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Lesung aus meinem Reisetagebuch „Auf der Suche nach dem Mythos Mekong“ – eine Reise gegen die Zeit

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17.11.24 Wesseling https://www.der-schauspieler.de/16-02-24-wesseling/ Wed, 10 Jan 2024 09:09:36 +0000 https://www.der-schauspieler.de/?p=439 Mehr »]]> „Amouröse literarisch-musikalische Revue“ der „Leiden des Jungen Werther“

Aufgrund des großen Erfolgs der Veranstaltung im Februar:
Sonntag, dem 17.11.24 als Matinee-Veranstaltung im Rheinforum Wesseling

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En Retour – Gedankensplitter – Geistesblitze https://www.der-schauspieler.de/en-retour-gedankensplitter-geistesblitze/ Tue, 21 Jul 2020 12:13:37 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=396 Mehr »]]> En Retour – Gedankensplitter – Geistesblitze

27.03.20 „grau, lieber Freund, ist alle Teorie“ – und grau des Meeres Silberschein

28.03.20 „denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“: 0600 es rollt wieder – gen Norden!

wenn Demokratie einfach so weggebürstet wird – wie anlässlich eines Virus -, wer soll dann noch für sie kämpfen und eintreten ?

„Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, macht im Kanzleramt der Referenten-entwurf einer Rede der Kanzlerin zur Abstimmung die Runde, deren Kopie unserer Redaktion zugespielt wurde. Aus Gründen der nationalen Sicherheit geben wir ihren vollständigen – noch unredigierten – Text schon heute bekannt, um Turbulenzen, Aufständen oder gar Palastrevolutionen vorzubeugen:

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, einigermassen beschämt wende ich mich heute nach Ab-klingen der Infektionsgefahr durch das Corona-Virus erneut an Sie, die mich nun über vierzehn Jahre als Kanzlerin er- und getragen haben. Ich werde nicht lange rumseibern, sondern – für mich völlig ungewohnt – (kurze Pause) Klartext reden in der Weisheit der Offenbarung: Jedes hat seine Zeit.

Mit den Jahren ist auch bei mir langsam, aber stetig die Erkenntnis gewachsen, ich war und bin der Sache nicht gewachsen – schlimmer noch: Ich habe es vergeigt, wie mir Herr Seibert versichert. Ich habe als Physikerin zwar einige Kenntnis im Studium erworben, die ich jedoch zuletzt als „FDJ-Parteisekretärin für Agitation und Propaganda“ in der DDR nur bedingt in Form von Anode und Kathode, anziehender und abstossender Kraft auch nach meiner politischen Grundausbildung in Sachen Demokratie als „Mädchen“ von Helmut Kohl in die Politik einbringen konnte. Die alten Gäule meiner Partei, die partout an ihrem Amt kleben – wie die von mir hoch geschätzten Herren Schäuble und Seehofer – haben mir zudem – wie man so schön sagt – häufig rein gepfuscht und mir den Appetit an der Politik verdorben (leerer Blick).

Ich bekenne deshalb aufrichtig, ich habe die Zeit über nicht regiert, sondern nur administrieren lassen wie ich das bei Honecker, Mielke und Krenz von der Pike auf gelernt hatte. Denn niemand aus diesem erlauchten Kreis der neuen Herren hat mir jemals das Grundgesetz vorgelesen, in dem ausgerechnet diese Passage bei mir heute noch unleserlich ist, wonach der Kanzler die Richtlinien der Politik bestimmt. Von „Kanzlerin“ ist dort auch nicht die Rede. Herr Seibert hat immer gesagt, was zu sagen war – und ich habe dem immer mit meiner allseits bekannten Raute Ausdruck verliehen (fragender Blick). Ehrlich gesagt: Mehr braucht es auch nicht in der Politik (vielsagendes Lächeln).

Ich hatte – und dies bekenne ich heute freimütig – ja auch nicht viel Widerstand zu überwinden, weil meine Partei, die auf christlichem Fundament mit der Muttermilch bereits demokratisch versäugte Union mit mir an der Spitze kein irgendwie geartetes Parteiprogramm benötigt, um sich zu profilieren, denn mit mir hat sie alle Wahlen auch ohne Profil und Programm gewonnen. Wir haben einfach das gemacht, was die Wirtschafts- und Bankenwelt von uns erwartet. Und dabei habe ich nach der Geburtstagsfeier mit Herr Ackermann im Kanzleramt den Fehler gemacht, diese Art von Lobbyregierung auch noch eine „marktkonforme Demokratie“ zu nennen, wie dieser kriminelle Banker es mir vorgesagt hatte, der ja – wie wir heute wissen – mit seiner Idee von „25 % Rendite“ nicht nur die weltweit anerkannte Deutsche Bank wirtschaftlich ruiniert, sondern auch unseren guten Namen in aller Welt verheerend beschädigt hat – nun ja, er war Schweizer und sein Adlatus Jain Inder – was wissen die schon von Deutschland.

Und Europa – das habe ich vor 1989 ja gar nicht gekannt. Ich habe das „Haus Europa“ nie gefunden, das Herr Gorbatschow gebaut hat. Und wenn dann der Herr Macron mich mit seinen intelligenten neuen Ideen zu Europa überfällt, die ich nicht verstehe – ich spreche russisch, aber kein französisch – ja dann bleibt mir doch nichts anders übrig, als in Europa auf die Bremse zu treten (beschwichtigendes Lächeln). Sie werden das verstehen. Mein Credo war und ist – wenn‘s der Wirtschaft gut geht, geht es auch den Menschen gut, hat mir jedenfalls Peter Altmaier gesagt.

Ich selber nun habe mich damals bei der friedlichen Revolution meiner Landsleute in der DDR bewusst bedeckt gehalten, um anschliessend unversehrt und unverbraucht auch den Westen des Landes auf meine Art „Freiheit“ zurecht zu stutzen: Wir Bürger der DDR lebten 1989 von der Idee „Freiheit von…“ staatlichem Zwang, verschlossenen Grenzen, Stasi und SED. „Freiheit wozu…“ das habe ich mich eigentlich in der ganzen Zeit nicht gefragt. Zum einen ist das Fragen nicht mein Stil, ich habe als Kanzlerin Antwort zu geben – ungeachtet der gestellten Frage.

Sie werden das auch verstehen: Als ich einmal im Wahlkampf 2013 auf eine Frage im Publikum dumm geantwortet habe “mit mir wird es eine Pkw-Maut nicht geben!“, hat mich Herr Seehofer nicht mehr angeschaut und sein ungeliebter Zögling Söder masslos beschimpft. Da konnte ich halt nicht anders, als den Herren Dobrindt und Scheuer grünes Licht für eine Pkw-Maut zu geben, damit die aus ihrer bayerischen Sicht den Österreichern mal zeigen konnten, wer eigentlich in `schland was zu sagen hat.

Nicht ohne Bitterkeit und Enttäuschung blicke ich zurück auf die Jahre meiner Kanzlerschaft und was ich mir seitdem alles geleistet habe: Die grossen Katastrophen, die mich Seibert geheissen hat nur „Krisen“ zu nennen – Finanzkatastrophe, Flüchtlingskatastrophe, NSU-Katastrophe, Diesel-Katastrophe, Klimakatastrophe und schliesslich die CDU- und die COVID-19-Katastrofe, die mich in der selbstgewählten Quarantäne für ein paar Tage ohne Kanzleramt-Braun und Altmaier nach-denklich – und ehrlich gesagt – fertig gemacht haben. Wenn ich auch immer sage „Wir schaffen das“, aber – unter uns – die Katastrophen haben mich geschafft.

Die Finanzkatastrophe haben wir vergeblich zur Staatsschuldenkrise herunter zu reden versucht, aber mit unseren 500 Milliarden Garantien – Bürgschaften, verlorene Zuschüsse, Darlehn – haben wir – (augenzwinkernd) nicht Ihr Geld, sondern nur die Dividende der Aktionäre und die Boni der Vorstände gerettet. Steinbrück und ich haben uns zwar hingestellt und ihre Guthaben für „sicher“ erklärt, sonst hätten Sie möglicherweise die Banken geplündert, aber – ehrlich gesagt: die 100.000 € waren ja auch schon für jeden einzelnen im Bankenverbund garantiert. Da haben wir ganz schön getrickst – das ist die grosse Tugend der Grossen Koalition; das machen wir auch heute noch immerzu, immerzu – und keiner „merkelt“ es (aufrichtiges Lachen). Kleines Wortspiel.

Und Griechenland mussten wir anschliessend doch am langen Arm verhungern lassen, das hat vielen von uns gefallen, denn – wieder unser Trick – wir haben ja in der Grexit-Debatte die Hilfsgelder, die wir als „Tranchen“ unkenntlich gemacht haben – wieder ein kluger Schachzug (kichern) – nicht dem griechischen Volk, sondern unseren deutschen Banken zukommen lassen, die entgegenkommender Weise die Griechen schon vorfinanziert hatten. Dijsselbloom und Schäuble haben dann dem Varoufakis aber in der Eurogruppe auch gezeigt wie man „Austerität“ buchstabiert – der hat doch nach einem halben Jahr hingeschmissen, weil er nicht wahrhaben wollte, dass unsere „Sparsamkeit“ etwas anderes war als der Bankrott der Griechen – mein Gott, das bisschen Elend werden die Südländer doch noch ertragen können. Da mache ich mir keine Gedanken.

Und in der Flüchtlingspolitik habe ich doch ganz klar Flagge gezeigt „Wir schaffen das“ und „wenn man in diesem Land nicht mal ein bisschen freundlich sein darf, dann ist das nicht mehr mein Land“ – den Satz hat mir Schäuble nie verziehen; ich habe ihn auch nicht mehr wiederholt. Seibert hat bestreiten lassen, dass ich ihn überhaupt jemals gedacht, geschweige denn gesagt hätte. Damit war zwar die Willkommenskultur meiner Landsleute dahin, aber meine Umgebung lag mir doch immer in den Ohren „Das Boot ist voll“.

Und weil wir uns nicht von heute auf morgen einfach so aus dem Krieg in Syrien zurückziehen können – dort kämpfen wir schliesslich für unsere „Freunde der Demokratie“ oder wie man das sonst noch nennt – habe ich entschieden, die Schleuser zu bekämpfen, das sind ja die eigentlichen Verbrecher. Das wusste ich schon aus meiner DDR-Zeit: Fluchthelfer – das geht gar nicht; wir haben die manchmal auch erschossen, damit sie es nicht noch einmal versuchen. „Fluchtursachen“ – da konnte mir in der Regierung keiner sagen, was das anders sein soll als „Asyltourimus“.

Und die Sozis, na ja – Sie wissen schon -, die waren ja auch aus der Puste (kurzer Lacher) und haben halt auch immer „Ja und Amen“ zu meiner Politik gesagt.

Und – das fällt mir aber auch jetzt erst auf – in Sachen NSU bin ich wohl ein wenig zu weit gegangen, als ich, nachdem die ganze Chose hochgekocht war, erklärt habe „wir wollen vollständige Aufklärung“ – da hätten Sie mal sehen sollen wie hier die Puppen getanzt haben – Schäuble und sein frisch gebackener Präsident des Staatsschutz Dr. Maassen; mein Gott – wie wild doch Männer in der Politik werden können. Ich sollte irgendwas zu den Opfern und sonst sagen – „ es geht um Gerechtigkeit“. Ich habe dann lieber doch nichts mehr gesagt; Schäuble hätte sonst einen Herzinfarkt bekommen; daran wollte ich nicht auch noch schuld sein. Zur Abkühlung habe ich ihn dann gebeten, doch auf den Stuhl des Bundestagspräsidenten zu rücken – der ist sattelfest für seine nächsten 45 Jahre in der Politik – für solch ein altes Ross gilt noch lange nicht „Isch over“.

Na ja – und diese ärgerliche Dieselgeschichte: muss ich mich denn um alles kümmern. Das haben die Jungs von der CSU doch selbst versaubeutelt – und nun soll ich den Scheuer auch noch aus dem Schlagloch holen. Na ja, der „Scheuer Andy“ (kurzer Seufzer). Dabei haben sie doch im Zusam-menspiel mit dem Kraftfahrbundesamt und der Industrie uns alles eingebrockt: Sollen sie es nun auch selbst auslöffeln, ich halte mich da raus – die paar Millionen, die Scheuer dabei in den Sand gesetzt hat, ja, mein Gott, ich bin doch nicht „bescheuert“ (kleines Wortspiel) und mache auch noch den Finanzminister. Der weiss doch, wie man die „schwarze Null“ schreibt (befreiendes Lachen).

Und nun macht mir dann ein so von China in die Welt geschicktes Virus den Laden dicht. Und ich dachte, der ehrgeizige Jungspund Spahn hat das alles im Griff, denn schliesslich sind im Rahmen der Evolution schon andere Pandemien über die Menschheit gekommen – die Pest ward auch in China geboren. Leider haben wir in unserer westlichen-Werte-Welt kein rechtes wertes Mittel dagegen, nachdem – und das sage ich mit aller Deutlichkeit – die Krankenpflege schon vor meiner Zeit aus dem staatlichen Bereich ausgegliedert und den Gesetzen des Marktes unterworfen wurden (besorgtes Lächeln). Da nimmt die Botschaft des hochverehrten Herrn Lindner „Der Markt regelt alles“ klammheimlich reissaus, denn Katastrophen werfen halt nun mal keinen Profit ab, sie kosten was. Und jetzt schreien sie alle wieder „Risiko“ und „Bankrott“ – die haben anders als ich ihren Marx entweder nicht gelesen, bestimmt aber nicht verstanden (wissendes Lächeln): Im Kapitalismus trägt allein der Unternehmer das wirtschaftliche Risiko – er allein akkumuliert den Gewinn, also trägt er auch die Verluste – Basta! (energisch!) sage ich da mit Schröder.

Nun muss ich bekennen, die Dinge sind mir einfach über den Kopf gewachsen. Die paar Tage zu Hause – wann hatte ich das zuletzt (kurzer Lacher) – haben mir gut getan. Immer das politische Wischi-Waschi – mit all den Typen. Ich kann – und das sage ich ganz persönlich – der Bitte meines Mannes, als „Mama“ – wie Sie mich alle nennen – an den häuslichen Herd in meinem verschlafen schönen Mecklenburg zurückzukehren, nicht mehr widerstehen. Annegret KK wird den Rest schon richten, den ich hinterlassen habe. Und ein paar Kaffeekränzchen mit Frieda Springer und Liz Mohn wird es wohl noch geben, damit mein Abschied medial wohlwollend begleitet wird.

Ich wünsche Ihnen, meine lieben Mitbürger und Mitbürgerinnen – nun als ihre Mitbürgerin – eine „gute Zeit“ (kurzes Hüsteln), ich bleibe jetzt in politischer Quarantäne (leises Kichern) – zu Hause. (Flackerndes TV Bild; Black).

Kommentar: Claus Kleber – ZDF.

29.03.20 Auszug aus „Magellan“, als er am 28.11.1520 in den Pazifik einfährt:

…der namenlose Ozean – ein Meer, so weit, dass der menschliche Geist es kaum erfassen kann…Magellan fährt völlig ins Leere… ausgesetzt in einer Wasserwüste…segeln die drei Schiffe zwanzig Tage, dreissig Tage, fünfzig und sechzig Tage, und immer noch kein Land, noch immer kein Hoffnungszeichen…und wieder eine Woche und noch eine Woche und noch eine und noch eine und noch eine – hundert Tage. Tausend und tausend und tausend leere Stunden… keine Karte mehr, kein Mass und Windstille allenthalben – um derentwillen er ihn für alle Zeiten „el Pacifico“, den „Friedlichen“ tauft.

Aber wie grausam diese Friedlichkeit, welche Marter der Monotonie in dieser tödlichen Stille! Immer gleich blau und spiegelnd das Meer, immer gleich wolkenlos und glühend der Himmel, immer gleich stumm, gleich tonlos die Luft und gleich rund der Horizont, ein metallener Schnitt zwischen demselben Himmel und demselben Wasser, der sich allmählich tief ins Herz schneidet. Immer das gleiche riesige blaue Nichts um die winzigen Schiffe, das einzig Bewegte inmitten der grässlichen Unbewegtheit, immer das gleiche grausame Licht des Tages, an dem man nur immer das Eine, das Gleiche , dasselbe gewahrt. Und immer des Nachts die gleichen kalten schweigsamen Sterne, am Tag dasselbe Segel, derselbe Mast, dasselbe Deck, derselbe Anker, dieselben Kanonen, dieselbe Takelage, immer morgens, mittags, abends und nachts, immer wieder unvermeidlich einander begaffend dieselben Gesichter, die sich in dumpfer Verzweiflung und ausgehungert anstarren, Tag um Tag mehr verfallen: Tiefer kriechen die Augen in die Höhlen, matter ihr Glanz, schlaffer und schwächer Schritt um Schritt. Gespenster gehen um, hohlwangig und fahl…

… und noch dreissig Tage bis Samar/Philippinen, bevor es den 16. März 1521 hat.

Magellan ist tot, – 27.04.1521 auf Mactan im Kampf gegen den Häuptling LapuLapu – hurra, ich lebe noch.

30.03.20 Callao schaut durch das Grau des Meeres. Jeden Morgen wache ich mit dem Gedanken auf: Hast du heute Fieber ?

31.03.20 Wenn Charles Darwin beschreibt, wie sich im Rahmen der Evolution die Spezies unter Anpassung an ihre jeweiligen natürlichen Bedingungen angepasst und entwickelt haben, dann gilt das doch auch für alle Zivilisationskrankheiten: Wir haben doch alle die frühkindliche Phase mit Masern, Röteln und Mumps erfolgreich deswegen durchlaufen, weil unser Körper in seiner Apotheke das Mittel führte, das die Krankheit beherrschte. Der Körper hat mit eigenen oder infizierten Gegenmitteln Gelbfieber, Pocken und Cholera, Malaria und Hepatitis besiegt. Wir haben Ebola, Schweine- und Vogelgrippe unbeschadet vorbeifliegen lassen – und wir werden COVID 19 nur dann besiegen, wenn wir in unserem Körper entsprechende Truppen bilden, die das Virus bekämpfen und erledigen. Das heisst aber auch, dass wir uns dem Virus aussetzen und uns nicht nur vor ihm beschützen müssen – wie es die Politik vornehmlich betreibt. Nur dann, wenn ausreichend Genträger vorhanden sind, die den Antikörper besitzen, lässt sich die Pandemie von morgen beherrschen – oder ist das etwa schon Sozialdarwinismus ?

01.04.20 Ich schaue in die nächtliche Sternenwelt, deren Licht mich nach tausend Lichtjahren endlich erreicht: Schaue ich in die Vergangenheit oder in die Zukunft oder ist es nur der kurze Moment einer Gegenwart, in der mich das Licht streift oder gar endet – oder weiter gefragt:

Wohin geht das Licht, nachdem es bei mir angekommen ist ?

02.04.20 T a g l o s – welcher Wochentag ist heute ?

03.04.20 T r o s t l o s – Posorja, kein Mensch auf der Strasse, kein Auto – nur Hafen.

04.04.20 S c h w e r e l o s – sag‘ mir, lieber Archimedes, doch bitte noch einmal wie 150.000 Tonnen Eisen und Stahl auf dem Wasser schwimmen, während ich mit meinen zwei Zentnern untergehe ?

05.04.20 L u s t l o s schon wieder Sonntag sagt mir Joe, der Messman.

06.04.20 H o f f n u n g s l o s – Schuman, Adenauer, de Gasperi haben vor 65 Jahren mit den „Römischen Verträgen“ Europa Leben eingehaucht; über die „Montanunion“ und die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ ist das Kind als „Europäische Union“ erwachsen geworden; nach dem Brexit und der Corona-Katastrofe liegt dieser erbärmliche Haufen an nationalistischen Interessen, wirtschaftlichem Lobbyismus und administrativer Unfähigkeit, parlamentarischer Kastration und bürgerlicher Entfremdung mit Herzstillstand am Boden; ich gebe keinen Deut mehr auf EUROPA.

07.04.20 Peter Vonnahme, ein alter Schulkollege aus Landsberger Zeiten hat sich ein paar vernünftige Gedanken gemacht in Zeiten von Corona: Er wie ich sehen das Problem weniger in der Corona-Krise, sondern in der Art, wie es staatlich gemanagt wird:

Die Welt nach Corona wird eine andere sein

„Ich bin Richter im Ruhestand. Altersbedingt gehöre ich zu einer Risikogruppe. Meine Frau und ich befinden sich seit gut drei Wochen in selbst auferlegter Teilquarantäne. Einkäufe im Supermarkt werden auf das Notwendigste beschränkt. Wir fühlen uns gesund. Mein Terminkalender ist radikal ausgedünnt. Alle Veranstaltungen, Termine, Reisen sind storniert. Das öffentliche Leben ist eingefroren.

Plötzlich habe ich viel Zeit, viel mehr als im letzten halben Jahrhundert. Wir haben mehr Zeit füreinander. Wir sitzen länger zu Tisch, diskutieren viel und erledigen Dinge, die länger liegengeblieben sind. Freunde rufen öfters an und erkundigen sich nach unserem Befinden und bieten Hilfe an. Wenn ich selbst anrufe, meldet sich neuerdings ein Mensch, kaum noch ein Anrufbeantworter. Es ist unübersehbar: Corona hat unser Leben in bisher unbekannter Weise verändert.

Zäsur

Es zeichnet sich ab, dass das Virus neben den Gefahren für Leib und Leben auch soziale und wirtschaftliche Verwerfungen mit sich bringt. Das wird eine Zäsur in unserem Denken bewirken. Alte Gewissheiten kommen auf dem Prüfstand. Die Welt nach Corona wird eine andere sein.

Etwas halbwegs Vergleichbares erlebten wir 1986 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als sich damals still und leise radioaktive Partikel wie Mehltau über unsere Gärten, Städte und Felder legten, machte sich Angst breit – nicht zuletzt deshalb, weil sich die atomare Verseuchung unserer sinnlichen Wahrnehmung entzog. Mittelfristige Folge war, dass sich der Atomstrom bis heute fast halbierte. Parallel dazu begann der globale Siegeszug der erneuerbaren Energien.

Heute erleben wir, dass ein winziges, für unser Auge unsichtbares Virus die Grenzen unserer hochentwickelten Medizin, unserer Versorgungseinrichtungen und des globalisierten Handels aufzeigt. Mehr als das: Corona hat die Welt erschüttert wie kein anderes Ereignis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein Blick zurück zeigt, dass ein solcher abrupter Einbruch in das normale Leben nichts Neues ist. Im Mittelalter entvölkerte die Pest weite Landstriche Europas. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs starben etwa 50 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Aber die Erinnerung an geschehenes Unheil verunsichert Menschen und verängstigt sie.

Hinzukommt, dass Viren von jeher einen schlechten Ruf hatten. Doch genau genommen ist die Erde ihr Planet. Sie waren lange vor uns da, es gibt sie seit Milliarden Jahren. Die Vorläufer des Menschen hingegen gibt es erst seit ein paar Millionen Jahren. Viren sind nicht schlechthin „böse“. Der Virologe Christian Drosten, seit Wochen via TV fast allabendlicher Gast in unseren Wohnzimmern, meint, Viren seien eine Stellgröße in der Natur, die sich aus gutem Grund über Jahrmillionen gebildet habe. Ohne sie würden viele Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten.

Dramatische Zahlen

Aber diese Erkenntnis hilft nur bedingt weiter. Stand 31.3. sind in Deutschland 71.000 Menschen mit dem Corona Virus infiziert; fast 700 sind verstorben. Zur Monatsmitte lauteten die Vergleichszahlen 5000 und 10; das entspricht einer Versiebzigfachung der Todesfälle in zwei Wochen. Das klingt dramatisch. Da ich aber kein Epidemiologe bin, kann ich die Dynamik dieser Zahlen nicht seriös bewerten, aber kalt lassen sie mich nicht.

Der deutsche Virologe Hendrik Streeck vermutet, dass Corona die Gesamtsterblichkeit in Deutschland nicht erhöhen werde, sie liege normalerweise bei rund 2500 Personen pro Tag. Einige Autoren verweisen darauf, dass die alljährliche Influenzawelle mehr Menschenleben fordert. Andere Stimmen sprechen davon, dass es weltweit keinen einzigen Beweis für eine „besondere Gefahr“ gebe. Vielmehr ließen sich hysterische Medien vor den Karren mächtiger Interessen („Big Pharma“) spannen. Der ehemalige Flensburger Amtsarzt Wolfgang Wodarg, Kronzeuge der Beschwichtigerfraktion, argumentiert lapidar, wenn mehr getestet werde, gebe es naturgemäß auch mehr Treffer.

Versuch einer Orientierung

Alle derzeit genannten Zahlen sind Momentaufnahmen, sie zeigen Trends auf. Aussagen über die Ausbreitung eines Virus, das man erst seit ein paar Monaten kennt, sollte man deshalb mit Vorsicht begegnen.

Aber eines lässt sich sagen: Wenn das Coronavirus so harmlos ist wie manche behaupten, wie kann man dann erklären, dass die Bundesregierung – bisher unbeirrbare Verteidigerin der „Schwarzen Null“ – ein Hilfspaket von 600 Milliarden Euro beschließt und Bundestag und Bundesrat in nie gesehener Eile zustimmen? Und warum macht US-Präsident Trump, zunächst vehementer Leugner einer Corona-Gefahr für sein Land, plötzlich sagenhafte 2,2 Billionen Dollar (!) zur Bekämpfung der Corona-Folgen locker? Beides sind historisch einmalige Anstrengungen in Friedenszeiten. Es ist auch nicht plausibel, dass ein Land Billionenverluste für die eigene Volkswirtschaft in Kauf nimmt, um mögliche Gewinne von Big Pharma in Milliardenhöhe zu ermöglichen. Ein solches Szenario entbehrt jeder Logik.

Außerdem: Welches gemeinsame Interesse sollen China, die USA, Japan, Russland, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland haben, der Welt ein konzertiertes Corona-Schmierentheater vorzuspielen? Weder Big Pharma, noch Kapitalismus, noch der „tiefe Staat“ sind hierfür ein überzeugendes Erklärungsmodell. Alles deutet darauf hin, dass sich derzeit Staaten weltweit und systemübergreifend in einem gemeinsamen Abwehrkampf gegen eine globale Gefahr befinden.

Für die Sonderstellung des Coronavirus spricht auch, dass in Friedenszeiten noch niemals europäische Ärzte entscheiden mussten, wen sie noch behandeln (können) und wen sie auf den Fluren der Krankenhäuser sterben lassen (müssen). Einmalig ist auch, dass zum Abtransport von Leichen aus Kliniken die Kapazitäten der Bestatter nicht mehr ausreichen und deshalb Militärfahrzeuge eingesetzt werden müssen. So geschehen in Italien.

Krieg gegen Corona

Gesundheitsminister Spahn sagte, dass wir derzeit die Ruhe vor dem Sturm erleben. Die Staatschefs vieler Staaten sprechen sogar von einem Krieg gegen Corona. Das sollte hellhörig machen. Denn im Krieg sind alle Mittel erlaubt.

China, Südkorea und Singapur haben bewiesen, dass der Krieg zu gewinnen ist, wenngleich mit schwerem Geschütz gegen die eigene Bevölkerung. Selbst wenn Deutschland in mittlerer Zukunft diesen Krieg gegen Corona gewinnt, wird das Land nicht mehr das sein, das es vor Corona war. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler meint, die Krise lasse erahnen, dass wir uns auf eine dauerhafte Veränderung unseres Alltagslebens einstellen müssen.

Wir bemerken es jetzt schon. Fast alles, was uns lieb ist, steht unter Quarantäne. Der Frühling ist heuer ausgefallen, der Spaziergang am See, der unbeschwerte Stadtbummel, die Einkehr beim Dorfwirt. Gedanken daran fühlen sich heute an wie eine Reminiszenz an die gute alte Zeit. Wer glaubt noch ernsthaft, dass wir Ostern beim Lieblingsitaliener auf der Terrasse sitzen werden?

Stattdessen lobt Deutschland Markus Söder, weil er Freiheiten massiv eingeschränkt hat. Angst ruft nach entschlossenem Handeln. Je mehr von der bitteren Medizin, desto größer die Hoffnung auf schnelle Heilung. Heribert Prantl bringt es auf den Punkt: Corona hat das geschafft, was selbst der Krieg nicht geschafft hat. Kirchen seien geschlossen, Hochzeiten und Taufen ausgefallen. Nur gestorben werde weiterhin, aber Beerdigungen fänden nur noch im kleinsten Kreis statt.

Das Schweigen der Lämmer

Notzeiten sind die Stunde der Exekutive, es muss gehandelt werden – und zwar schnell. Die Politik steht unter großem Erfolgsdruck, die Ungeduld wächst von Tag zu Tag. Lobend wird erwähnt, dass ein totalitäres Regime wie in China die schlimme Bedrohung binnen weniger Wochen in den Griff bekommen hat. Die Gefahr, dass vor dem Hintergrund der chinesischen Erfolgsmeldungen auch hierzulande die Bereitschaft wächst, Freiheitsrechte antasten zu lassen, ist nicht von der Hand zu weisen. Deswegen bedarf Regierungshandeln in der jetzigen Situation vermehrter Kontrolle durch Bürger, Medien und Justiz.

Gleichzeitig erleben wir ein bemerkenswertes Phänomen: Je mehr unsere Freiheitsrechte beschnitten werden, desto höher ist die gesellschaftliche Zustimmung. Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der die jüngst angeordneten Beschränkungen ernsthaft in Frage stellt. Schweigen also die Lämmer? Nein, der mündige Bürger ist wach.

Nicht nur einmal bin ich in den letzten Tagen gefragt worden: Darf die Politik das alles? Ist das verfassungsgemäß? Welche Rolle spielt eigentlich die EU? Es ist also nicht so, dass die verfügten Ausgangsbeschränkungen zu einer Erstarrung des politischen Lebens geführt haben. Im Gegenteil, es wird viel diskutiert über Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen und es gibt ungewöhnlich viel Konsens. Offensichtlich haben die Menschen bis jetzt nicht das Gefühl, dass die Demokratie in Gefahr ist.

Primat der Politik

Doch eine andere Besorgnis wird wach: Wie ist es mit dem Primat der Politik? Sind wir auf dem Weg zu einer Diktatur der Virologen? Zugespitzt: Ist Prof. Drosten der heimliche Kanzler? Natürlich nicht! Entscheidungen liegen nach wie vor allein bei der Politik. Sie muss austarieren zwischen dem Rat der Virologen und den Forderungen der Wirtschaft. Vordergründig lautet die Frage: Was ist mehr wert – Opas Leben oder die Wirtschaft?

Neulich schrieb einer mit Blick auf die wirtschaftslähmenden Restriktionen, wir begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Das ist zwar zynisch, zeigt aber die Schwierigkeit einer ethische Abwägung. Frage: Ist es vertretbar, dass ein paar Prozent Hochgefährdeter geschont werden (Variante 1), wenn der Preis dafür ist, dass die gesamte Volkswirtschaft zusammenbricht mit der Folge einer existenziellen Gefährdung vieler Menschen durch Elend, Depression und Selbstmord (Variante 2)? Verfassungsrechtlich ist jedes Leben gleich viel wert. Das verbietet im Grund jede Abwägung. Man mag mir nachsehen, dass ich als Angehöriger einer Risikogruppe eine Grundsympathie für Variante 1 habe. Ich bin sehr froh, dass ich nicht als Kabinettsmitglied oder Abgeordneter entscheiden muss.

Fragen an die Politik

Meinungsumfragen zeigen, dass der Durchschnittsdeutsche, der sich vorwiegend durch ARD und ZDF informieren lässt, die Krisenpolitik der Regierung gutheißt. Über Versäumnisse der Gesundheitspolitik im Vorlauf der Corona Pandemie wird öffentlich kaum diskutiert. Zwar kam Corona unerwartet über uns. Aber vom Himmel gefallen ist die Seuche nicht.

Unübersehbar ist, dass wir auf die Herausforderungen schlecht vorbereitet sind. Es fehlt an allem, an Personal ebenso wie an Beatmungsgeräten, Atemschutzmasken, Schutzanzügen und Desinfektionsmitteln. Die Politik hat sich jahrelang blind darauf verlassen, dass die Handelsströme um die halbe Welt auch in Krisenzeiten stabil sind. Eigene Produktionsstätten und Lagerbevorratung wurden vernachlässigt, weil fernöstliche Angebote ein paar Cent billiger waren. Die Grenzen der Globalisierung wurden schmerzlich sichtbar.

Auch im Personalbereich der Krankenhäuser wurde rigoros gespart. Die Bediensteten arbeiteten oft an der physischen und psychischen Belastungsgrenze. Es wird Jahre dauern bis zusätzliches qualifiziertes Personal verfügbar ist. Corona hat dem Gesundheitswesen einen Schuss vor den Bug gegeben. Man kann nur hoffen, dass ihn die Verantwortlichen gehört haben und die Herrschaft der Betriebswirte im Gesundheitsbereich zu Ende geht.

Wir sehen in diesen Tagen, was wirklich wichtig ist: Solidarität und soziale Intelligenz. Die Rede ist von den Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern und Hilfskräften in Kliniken und Arztpraxen. Gleiches gilt für die Kassiererin im Supermarkt und die Verkäuferin im Bäckerladen, die Fernfahrer, das Bahnpersonal, die Müllwerker, die Polizisten und die Verwaltungsangestellten, vom Pförtner bis zum Bürgermeister. Und viele andere, die hier nicht genannt sind. Diese Menschen sorgen unter Risiken für die eigene Gesundheit dafür, dass unser Leben weitergeht. Wenn sie ihre Dienste einstellen würden, wäre das das Ende unserer Gesellschaft. Deshalb sind diese Menschen die Stützen unserer Gesellschaft. Sie sind die wahren Leistungsträger.

Es wäre unverzeihlich, wenn wir diese Lehre nach dem Ende der Krise wieder vergessen würden. Es ist an der Zeit, dass wir denen, die bequem und risikolos von ihrem Reichtum leben, etwas wegnehmen und es denen geben, die es im wahrsten Sinn des Wortes „verdient“ haben. Das hat nichts mit Neid zu tun, sondern mit Gerechtigkeit.

Aktueller Aufklärungsbedarf

Momentan ist die Politik mit Krisenmanagement voll ausgelastet. Hierbei zeigt sich, dass Politiker, die sich bisher vor allem als Parteifunktionäre und Bierzeltredner hervorgetan haben, unter dem Druck der Ereignisse zu fürsorglichen Landesvätern heranreifen können. Andere, die sich bis vor kurzem zu höchsten Staatsämtern berufen fühlten, tauchten vollends ab.

Aber es werden wieder ruhigere Zeiten kommen, um Fragen nachzugehen, die die Corona-Krise aufgeworfen hat:

– Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass Deutschland auf eine Pandemie so miserabel vorbereitet ist? Immerhin hatte das Robert-Koch-Institut bereits vor Jahren in einer konkreten Fallstudie die ausreichende Bevorratung von Atemmasken, Schutzkleidung und medizinisch-technischem Gerät angemahnt.

– Warum hat die Bundesregierung auf ein Hilfsangebot des chinesischen Präsidenten Xi Jinping im Kampf gegen das Coronavirus nicht reagiert, obwohl die eigenen Materialdefizite und das Know-how der Chinesen im Corona Abwehrkampf bekannt waren? China hat anderen europäischen Staaten wie etwa Italien, Spanien und Frankreich Hilfslieferungen zukommen lassen und auch Ärzteteams zur Hilfe vor Ort entsandt.

– Warum hat man in Deutschland das Tragen von Schutzmasken nicht zur Pflicht gemacht, obwohl chinesische Erfahrungen deren Nützlichkeit zum Selbst- und Fremdschutz bestätigt hatten? Auch Österreichs Kanzler hat eine Maskenpflicht für Einkaufsgänge verkündet. Die naheliegendste Erklärung für die deutsche Untätigkeit ist, dass dadurch das peinliche Fehlen von Masken verdeckt werden sollte.

Lerneffekte

Corona hat dem Land schwere Opfer abverlangt. Dank zu erwartender medizinischer Fortschritte wird dem Virus voraussichtlich bald sein Schrecken genommen werden. Wir wären gut beraten, wenn wir dann die gleiche Entschlossenheit beim Kampf gegen den Klimawandel zeigen würden. Denn gegen ein zerstörtes Weltklima gibt es im Gegensatz zu Corona kein Heilmittel. Der Schaden ist irreparabel. So weit darf es im Interesse der Menschen, die nach uns auf der Erde leben wollen, nie kommen.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der Klimawandel weiter beschleunigt. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, in dem es zu spät ist dagegen zu steuern. Wir sind im Begriff, diesen Zeitpunkt zu verschlafen. Wir haben immer Wichtigeres zu tun: die Währung retten, die Wirtschaft schützen, eine Seuche bekämpfen, notfalls den Kommunismus oder den Islamismus und – wenn sich einmal gar nichts anderes anbietet – die freie Fahrt für freie Bürger sichern. An dieser Einspurigkeit des Denkens und Handelns wird die Menschheit voraussichtlich irgendwann zugrunde gehen.

Dabei schienen wir letztes Jahr schon auf gutem Wege. Doch dann kam Corona und mit ihm die Veranstaltungs- und Ausgehverbote und die mediale Ausrichtung auf ein Thema. Wer spricht heute noch vom Klimaprotest der jungen Menschen? Wir sind beim Klima zurück auf Start.

Corona werden wir besiegen. Aber das Klima wird uns besiegen, wenn wir weiterhin nicht entschieden handeln. Das wird nicht schon morgen geschehen, aber wenn es geschieht, dann mit der Urgewalt der Natur.

Zu dieser Stunde gibt es laut Johns Hopkins University weltweit 938.373 Corona-Infizierte. Offensichtlich brauchen wir konkrete Zahlen, um zu handeln. Sollten nicht auch die unzählbar vielen, erwartbaren Klimatoten der Zukunft als Anlass zum Handeln genügen?

Bevor ich es vergesse, noch zwei gute Nachrichten:
Erstens, Dank Corona ist der weltweite CO2-Ausstoß erstmals wieder gesunken.
Und zweitens, die ersten Hamsterkäufer haben nach dem restlosen Verbrauch ihrer Nudelvorräte bemerkt, dass Klopapier nicht zum menschlichen Verzehr geeignet ist.“

08.04.20 Ingrid‘s 80. Geburtstag – auf der Anfahrt nach Cartagena ohne Geburtstagskuchen.

„Die Brüder Karamasow“ – Iwan, Mitja und Aljosha – endlich zu Ende gelesen. Tolle, spannende Weltliteratur. Kriminal- und Gesellschaftsroman einer Zeit, in der russische Literatur noch zur europäischen humanistischen Bildung gehörte. Und eine Geschichte fast vollständig als Gespräch erzählt, druckreifes Teater: Wie ein „1-Track-Film“ werde ich durch die Seiten gesogen, tunlichst vermeidend ein Wort, einen Gedanken zu überlesen. Erschöpft.

Nun wartet auf der restlichen Reise noch „Schuld und Sühne“ auf mich, vielleicht wage ich mich doch auch noch mal an Tolstoi „Anna Karenina“ heran. Lesen bleibt neben dem Sport die einzige Abwechslung im immer gleichen Tageslauf. Langsam verstehe ich die Wirkung von Freiheitsstrafen

09.04.20 Gebet ist eine Art Meditation. Nichtstun will gelernt sein.

Musen sind Mussen – oder Musse ist Muse ? Doitsch sein swere Sprach–e.

10.04.20 Heavy load, heavy winds, heavy waves on the way to Santo Domingo – Bergfest.

11.04.20 Einsamkeit – „la solitude“ war mein fotografisches Tema, mit dem ich die Reise füllen wollte: einsam in den Weiten der Meere, erschlagen vom Heer der Container, eintönig die Welt der Kräne in den Containerhäfen, der leere Blick in das Programm des Tages: Wind, Wellen Wasser – nun wird aus den Fotos ein Fokus der Realität. Einsam und still in meiner Kabine, einsam und lärmend der Krach der schabenden Container im Fitnessraum, einsam und windzerzaust im Bugkorb, einsam und aufmerksam beim Rundgang auf dem Upperdeck, einsam und schwitzend in der Sauna, einsam und sprachlos auf der Brücke – einzig die Mahlzeiten und der gemeinsame Kaffee danach lassen frische Unterhaltung allenfalls als Small-talk unter den Passagieren walten; ich spüre, wie sich meine Batterie langsam leert. Caucedo lacht karibisch.

12.04.20 Feliz pascua ! – Brabecue bei stürmischem Wind und in rauer See

13.04.20 Wenn der demokratische Staat sich im Gemeinwohl definiert, ist Demokratie und Kapitalismus unverträglich – wohlan denn, Staat, steh‘ auf und gesunde!

14.04.20 eintöniger Alltag, Routine, bleierne Routine. Was gestern noch Abwechslung war – Vokabeln lernen, Sport treiben, lesen – ist heute nur noch Routine, bleierne Routine…

15.04.20 Der Gedanke, in Rotterdam auszusteigen, schleift sich angesichts der Anbindung von Europoort ab; für Willi ist der Anlauf wohl mit zuviel Umständen und Erklärungen verbunden,wenn sich keine Lockerungen ergeben. Dafür schleicht sich Raskolnikow in meine Gedanken und fordert meine Neugier – Dostejewski zieht mich mit „Schuld und Sühne“ in seinen literarischen Bann.

16.04.20 Wasser hat eine suggestive Wirkung auf mich, wenn ich ihm beim täglichen Rund-gang auf Upperdeck zuschaue: Kreuz und quer schlagen sich sanft die Wellen und verteilen ihre Kräfte in immer neuen ungeahnten Formen – und doch steckt in diesem Chaos eine ungeheure tonnenschwere Wucht, wenn sich die Welle bricht und als weisses Sahnehäubchen über die Fläche verteilt.

17.04.20 „Der Zweifel ist die Tugend der Wissenschaft, nicht die Gewissheit“

– Anmerkung zur Expertokratie in Zeiten von Corona

18.04.20 „Maultaschen statt Maulkorb“ – avantgardistische Demo in schwieriger Zeit.

19.04.20 Der letzte Sonntag an Bord! Morgens noch einen Silberstreif am Horizont – am Abend verfliessen sie in „fifty shades of grey“. Der Tag hellt auf bei Theodor Fontane, der mich „Jenseits des Tweed“ wieder mit Schottland, Hollyrood und Edinburgh Castle, Cannondale und High Street, Hay- und Grassmarket, Stirling und Linlithgow, den Douglas und den Stewarts vertraut macht und dazu die Geschichten der „Lady of the Lake“ oder des „Macbeth“ und Duncan vorzüglich erzählt.

20.04.20 Die Sonne lacht – und wir brettern mit 20 kn durch den Kanal gegen einen stürmi-schen Wind, der uns mit 50 kn auf der Nase steht: Ein Warten auf Godot – Leere macht sich breit.

21.04.20 What a beautiful morning – Ankunft in Hoek van Holland. Nun weiss ich, dass ich in Europa zu Hause bin: alles scheint so vertraut – und doch traue ich dem „Frieden“ an Land noch nicht, denn dieses Land ist ein anderes als das, das ich verlassen habe.

22.04.20 die Welt von morgen ist die Welt von heute: In Europoort Rotterdam siehst du keinen Menschen mehr arbeiten; alles automatisiert, die Speicherung, die Speicherkräne, die Containertrucks. Nur wenn du genau hinschaust, siehst du im Kranhaus noch einen Kranführer und auf dem Krandeck einen Klon, der die Nippel sammelt, mit denen die Container untereinander befestigt sind: Geklonte Welt – wann beginnt der Aufstand der entlassenen Hafenarbeiter ?

23.04.20 Good morning, Britannia – Good bye, Ian – get it done; Europa lächelt. Und in mir flaut ein seltsames Zwillingsgefühl – zum einen weht der Wind des Abschieds, zum andern lacht die Freude der Ankunft: 2 Monate Seefahrt, ich fasse es nicht – und noch zwei Tage bis Hamburg.

24.04.20 F A R E W E L L mit der Crew „Old Seafarer‘s Romance“ – Sing a Song

Nehmt Abschied, Brüder, Should auld acquaintance be forgot
ungewiss ist alle Wiederkehr, and never brought to mind ?
die Zukunft liegt in Finsternis Should auld acquaintance be forgot
und macht das Herz uns schwer. And days of auld lang syne ?


Der Himmel wölbt sich überm Land Ade, auf Wiederseh’n!
Wir ruhen all in Gottes Hand Lebt wohl, auf Wiederseh’n!

Es ist in jedem Anbeginn das Ende nicht mehr weit,
wir kommen her und gehen hin und mit uns geht die Zeit.
Der Himmel …

Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis Das Leben ist ein Spiel.
und wer es recht zu spielen weiß gelangt ans grosse Ziel.
Der Himmel …

25.04.20 1200 H A M B U R G – Tor zur Welt: nach 16815 nm = 30.000 km mache ich die Klappe zuund habe mich wieder: Karsten wartet am Burchard-Terminal! Black. Ende. Aus.

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Tag 18 …ein grauer vertrackter Tag: Keine Wolke, keine Welle, kein Wind – „Kalmen“ abgehakt!

Nachdem die Spanisch-Lektionen wiederholt sind, nimmt Oswald Spengler mich wieder in Beschlag – ich verquere mich in seiner überheblichen Sprache, die wiederholt von „faustischer Kraft“ geprägt ist: „Wo Zweifel am Glauben wächst Wissen, wo Zweifel am Wissen wächst Glaube“. Der nachmittägliche Rundgang schenkt mir eine Mussestunde im Bugkorb. 1800 – wir dümpeln vor Buenaventura, dem Hafen Kolumbiens; der Pilot ist überfällig, weit und breit nicht zu sehen. Die See ist flach wie eine Flunder. Abendwolken bauen sich auf, wollen Regen ablassen – Regenwälder links und rechts der Fjordeinfahrt; der Himmel spielt mit den Farben des Regenbogen.

Kaum hat sich der lange Tag in die Nacht begeben, kaum ist der Schlafanzug übergezogen, kündet die Stimme des Käpt‘ns von der Brücke Überraschungen an: Arzt an Bord – Coronavirus hat uns eingeholt. Die weltweite Epidemie ist auf „Jean Gabriel“ angekommen: Alle Mann zum Test auf Deck „U“. Aufregung macht sich breit – wenn denn wirklich jemand Fieber haben sollte, lägen wir hier 14 Tage in Quarantäne, kein schlechter Gedanke.

Treu und brav stellen sich alle der Crew-Liste nach auf, dann schickt der Chief-Officer die 30 Mann ungefragt in die Kabine der Wachmannschaft, aus der Enge erlöst uns Minuten später der Kapitän und bittet uns aussenbords – und dann erscheinen die beiden androgyn eingekleideten kolumbianischen Mestizen mit Maske im Operationsdress, legen mit der Pistole an und messen die Temperatur an der Stirn. Der Kapitän ist der Erste – er strahlt, er kann wieder zurück: unter 37 °. Der Hierarchie nach baut sich die Schlange ab. Kim, unser Wachoffizier, erwischt es – er wird ausgesondert und darf vorerst nicht auf die Kabine zurück. Die andern passieren anstandslos: „trenta sei, siete“, kündet die etwas mollige Ärztin bei mir – geschafft. Mein Blutdruck wäre sicher anders ausgefallen. Entspannung aber ist erst angesagt, als ein Fieberthermometer herbeigeschafft ist, das nun auch Kim entlastet: Fieberfrei !

Entspannt begeben wir uns zurück auf die Kabinen, ehe die nächste Botschaft die Runde macht: CMA CGM nimmt keine Passagiere mehr auf, alle Passagen auf der Rücktour abgesagt – einzig Harald kann bleiben: Einsamkeit sind Norweger ja gewohnt.

Tag 19 …. wieder einmal Sonntag. „Buenas Dias!“Es ist schon der dritte Sonntag an Bord, eben war doch noch Barbecue, aber das war schon am letzten Wochenende. Noch ein Sonntag erwartet uns… aber an Bord ist für uns alle Tage Sonntag – heute kleide ich mich neu ein, um mir sonntäglich zu gefallen: „Ay, Ay, Sir – einkleiden“! Draussen rackern die Kräne – es regnet.

0900 – Leinen los, der Schlepper schiebt uns ein wenig, dann schon erreichen wir die enge Wasserstrasse, die uns nach etwa 3 nm in die See entlässt – noch drei Grad bis zum Äquator, dann sind wir auf Höhe von Ecuador, das sich den Namen entliehen hat.

Der Tag rauscht ab, die Schiffsgeschwindigkeit ist mit 11 kn nicht sehr hoch, die See liegt flach, ab und an eine Insel „No Go Area“. Oswald Spengler gibt den „Untergang des Abendlands“ nach 700 Seiten bekannt: „Wo Geist sich mit Geld mittelt, ist Dekadenz angesagt“,seine Botschaft. Lektion 7 im Spanischkurs fordert mich. Peter Frankopan macht wieder das „Licht des Ostens“ an – sein Buch rechtfertigt nachträglich mein Interesse an Zentralasien und Fernost: Wo sonst finde ich einen Text über Balasagun, dem Ort der Karachaniden in Kirgistan, an dem nur noch ein halber Turm zu sehen ist.

Tag 20 …We did it ! 1503 – wir überqueren den Äquator, d.h. eigentlich unterqueren wir ihn, denn das weltumspannende rote Seile, das Neptun den Seeleuten für eine erfolgreiche Querung hat anlegen lassen, wird hier – auf 80 ° westlicher Länge – von zwei Mermaids im Dienste von Njai Loro Kidul über 50 m aus dem Wasser gehoben, damit „Jean Gabriel“ ungefährdet passieren kann; nur wenige Seefahrer haben einen Blick erhaschen können von diesem seligen Moment, den wir leider nicht in Bildern festhalten können, weil unsere Kameras dummer Weise auf den GPS – Schirm gerichtet waren, während die Töchter Neptuns ihren Tanz vollführten, aber die alten Seeleute sagen, sie hätten auch Neptun schon in diesen Gewässern gesehen… aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Ansonsten hat der Tag auch noch andere Botschaften, die aufhorchen lassen – unser Ausflug von Callao nach Lima ist gestrichen. Die peruanischen Behörden lassen niemanden von Bord. Wenn das auch in Chile so läuft, sind wir gedanklich darauf vorbereitet, den Heimweg nach Hamburg wieder mit unserer „Jean Gabriel“ anzutreten – versorgt sind wir ja und Spass haben wir auch. Lektüre ist vorhanden und die Tage auf See – einer wie der andere. Es ist doch egal, wo wir auf den Tod warten.

Wolfgang hat heute den Bogen ein wenig überspannt – und als Bruder Leichtfuss die Treppe mit den schmalen Stufen zu leicht genommen. Ein paar Kratzer, aber schlimmer noch – das Smartfon hat den Geist aufgegeben: und was sind wir heute ohne Smartfon ? Unbrauchbar, nicht verwertbar oder verfügbar ! Adresse und Telefonnummer seiner Freunde in Chile sind darauf gespeichert – wie froh bin ich, noch ein Stück Papier in Händen zu halten.

Die Ungewissheit nagt an unseren Nerven. Der Kapitän hat auch noch keine Informationen für Chile, er erfährt morgen mehr. Aber warum soll in Chile die Einreise erlaubt, in Peru jedoch verweigert werden – Peru ist doch viel kleiner und hat weit weniger internationalen Kontakt: „Das Herz muss bei jedem Lebensrufe, bereit zu Abschied sein und Neubeginn. Wohl an denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ – Hermann Hesse stärkt mein Gemüt.

Tag 21 … verschlafen. 0710 wache ich auf. Nur weil ich meinen Taschenwecker an Wolfgang ausgeliehen habe, nein, im Ernst: ich schlafe ja auch sonst ohne Wecker – aber heute habe ich in der zweiten Phase viel geträumt. Und schon fragt Wolfgang um 0730 nach, ob alles in Ordnung ist; so wächst eine Gefahrengemeinschaft heran, die wohl auch noch ein paar Tage länger zusammen bleibt.

1100 – Posorja. Ziel erreicht, die Kräne diesmal in mausgrau, der Hafen wohl noch keine zwei Jahre alt, die Zahl der Container überschaubar – ein kleiner Fischerort. Die Boote drehen sich im Schwell. Ecuador – der Name löst eigentlich nur Darwin und Galapagos aus, aber das reicht für die Geschichte.

Ich versinke in Peter Frankopan’s Lichtern des Ostens – welche Zusammenhänge er erschliesst, die mir immer verschlossen blieben: Letzter Schrei – auch die Beulenpest im 16. Jahrhundert kam über die Handelswege aus China, irgendeine Ratte hatte Läuse gebunkert, die durch den damaligen Temperaturanstieg wohl Bakterien erweckten, die alsdann Millionen Menschen in der zivilisierten Welt dahin rafften. Kommt der Coronavirus nicht auch aus China – und erleiden wir im Augenblick nicht auch eine menschengemachte Klimakatastrofe, in deren Verfolg sich Methan aus dem Permafrost und CO2 aus dem Meereswasser löst – und damit Viren und Bakterien erweckt, die wie Schläfer nur auf diesen Moment gewartet haben, um zum Leben erweckt zu werden? 96 % ist dunkle unbekannte Materie, nur 4 % – so die Annahme – materielle Welt, von der uns – wiederum geschätzt – bislang nur 2 % bekannt geworden sind: welche Welten schlummern noch in diesem Universum ?

1800 – jetzt ist es amtlich: Chile verweigert uns die Einreise – Kommando zurück: Die ganze Strecke noch mal rückwärts. That‘s life! Ian stellt uns freundlicher Weise sein Smartfon zur Verfügung: „Immigration to Chile denied; we sail back with the ship to Hamburg. Arrival supposedly last week in April“ – lautet die sms-Botschaft an Gisela und Karsten; eine kleine Gewissheit mit soviel Wirkung. Heute Nacht kann ich gut schlafen.

Tag 22 …der mit Delfinen lacht. Ein strahlender Morgen – und die Sonne steht im Norden!

Nach der 8. Lektion des Spanischkurs, der mir die rechte Uhrzeit nahebringt, und der Lesestunde im „Lichte des Ostens“ brauche ich frische Luft – der tägliche Rundgang auf Deck „U“ ist angesagt. Die Kadetten arbeiten sich an den angefressenen Flecken ab, säubern sie und bestreichen sie in dem Grau, dessen Farbe sich über die Schuhe weiterträgt bis zu meinem Standardsitz – diesmal auf der Sonnenseite in Luv, wo mich ein kräftiger Südwind kühlt. Wir fahren wieder 20 kn, der Pazifik nimmt das Blau des Himmels nicht so satt an wie der Atlantik, obwohl „El Nino“ eigentlich Tiefenwasser hoch spült, aber dazu sind wir mit 30 nm noch zu nah unter Land, das gelegentlich mit einem Hügel im Dunst erscheint und den westlichsten Landpunkt Südamerikas anzeigt.

Ich spüre die physische Anstrengung auf dem schmal in gelb eingezeichneten Weg, mich aufs Vordeck vorzuarbeiten, dort auf die obere Ebene zu steigen, wo die Taue, Anker und Winschen aufgestellt sind, um den Koloss zu binden und zu bändigen. Und eine letzte 5-stufige Leiter – dann bin ich oben im Bugkorb und spüre den Auf- und Niedergang des Schiffes im Stampfrhythmus. Wie auf meinen inneren Ruf schauen nun die ersten Delfine vorbei, springen vor dem Schwell behend aus dem Wasser, legen sich auf die Seite, um mich oben im Korb zu sehen und mit mir ihr Spiel zu treiben. Erst sind es drei oder vier, dann plötzlich springen andere mit ein, dann tauchen sie zu viert auf einmal aus dem Wasser, als ob sie mich im Dutzend erfreuen wollen – und das Ganze mit mehr als 40 km/h vor der Bugnase.

Mein Versuch, sie mit Video einzufangen versagt, aber ein, zwei Fotos bleiben, die zu Mittag von der besonderen Begegnung berichten. Drei Wochen haben wir jetzt schon den Alltag an Bord erlebt, fünf Wochen stehen noch aus, um an den Landungsbrücken in Hamburg die glückliche Rückkehr zu feiern.

Tag 23 …ich bin sauer: eigentlich eine unhöfliche, wenn nicht flegelhafte Bande.

Ich stehe um 0600 Uhr auf, um den Sonnenaufgang zu geniessen, schaue mich auf dem Seitendeck um, wo der Wind mich mit 6 – 7 Stärken bürstet, also entscheide ich mich für Sonnenaufgang auf der Brücke. Glenn hat Wache, alles noch dunkel, gedimmt auch das Radar. Ein Lookout ist mit ihm; ein weiterer Oiler reinigt den Boden, wischt die Pulte – ein freundliches „Good morning“ mit einem nachgeschobenen „Everything allright ?“ macht die Runde, aber meine Filippinos verstecken sich unter ihren Kapuzenpullovern, kein Wort, nicht einmal ein Rülpser. Das mag ja mit dem Nachtdienst zu tun haben, aber Höflichkeit definiert sich anders, Sir; immerhin ist Glenn „designated officer“ d.h. für die Passagiere der Ansprechpartner an Bord für ihre Wünsche… und „Guten Morgen“ ist immerhin ein Wunsch. Was soll‘s – Höflichkeit ist eine Tugend, die sich in diesem rauen Job nicht jeder leisten kann.

0645 – mein Blick gleitet seitwärts, der Kapitän hat sich ohne ein Wort ‘reingeschlichen, kein Blick, keine Freundlichkeit; sein Chief-Officer betritt lautstark die Bühne, jegliches andere Gespräch erstarrt, wenn die beiden sich serbo-kroatisch unterhalten. Kein Blick, kein Gruss auch von diesem Koloss. Bordsprache, habe ich gelesen, sei „englisch“ – die einen tratschen in tagalo, die andern donnern krachend ihre kroatischen Lacher unters Volk, irgendwie bin ich hier ein nullum, ein nichts, zumindest nimmt uns niemand wahr, uns Störenfriede. Nein, das ist nicht die Mannschaft, die ich suche. Da erinnere ich mich gerne an Dragon Radic, meinen Kapitän auf der „Puget“. Da lob‘ ich mir unsere kleine Gesellschaft, die sich sichtlich müht, sich allenthalben in englisch Gesellschaft zu leisten. Das einzige englische Wort dieser Offiziere ist „Good appetite“, ohne uns anzuschauen, wenn sie zur Essenszeit in die Messe kommen, oder – nach dem Futtern – die Messe wieder mit einem apathischen „Good appetite“ verlassen, ohne uns anzuschauen: Nun ja, das zeigt zumindest, dass sie mal im Trog was Englisches gefunden haben. Ich spüre: Meine Freundlichkeit hat Grenzen – für 150,00 € am Tag wüsste ich mir an sich besser zu helfen, basta!

Die Blase drückt – das musste mal raus! Heute Abend neues Land: Peru – Callao, nicht weit von Lima, steht für 2000 lt auf der ETA, aber unser Landgang steht in den Sternen. Wir leben wie vor einem Vorhang, hinter dem sich die Welt abspielt – wir sehen nichts, wir hören nichts: einzig Stille, allein der Wind singt ein Lied, wenn er sich am Fensterrahmen bricht. Die Zeit bricht ein, das Gefühl für Wochentage geht verloren, Liederlichkeit greift um sich – immer den bequemsten Gang, die leichteste Tour. Innehalten – bei sich sein, deutscher Idealismus gegen neoliberale Verwertungsgesellschaft. Ahoi!

Peter Frankopan stimmt Christopher Clarke zu, die wechselseitige Angst, der Verlust der gewonnenen wirtschaftlichen Macht und der Territorien – in Deutschland droht ein neuer Machtfaktor, der die Balance bricht, nachdem sich der Preussenkönig nach dem gewonnenen preussisch-französischen Krieg 1870/71 im Schloss von Versailles zum „deutschen Kaiser“ krönen lässt, was Rachegelüste in Frankreich auslöst. Krieg war 1914 im Denken die einzige Lösung, um die Gewichte wieder herzustellen; es bedurfte nur des Zündfunken von Sarajevo, um die Interessen zu bewaffnen – und Deutschland im Versailler Vertrag die Alleinschuld unterzeichnen zu lassen: Grundlage für den Despoten des Dritten Reichs, das „Schanddiktat“ von Versailles zum Anlass zu nehmen, in Revanche einen neuen Krieg anzuzetteln, um zu realisieren, was alle schon 1914 befürchtet hatten – Deutschland als europäischen und globalen Machtfaktor zu etablieren “ … und morgen die ganze Welt“..

Was hilft es, wenn sich nun Politik und Medien darauf verschwören, die AfD-Bande als Nazis zu brandmarken, wenn sie nicht gleichzeitig die Gründe beseitigen, die den „Despoten“ den Grund für ihre Erfolge liefern: die Agenda 2010 und in ihrem Gefolge die finanzielle, soziale und politische Ungleichheit, die in der neoliberalen Gefolgschaft den Menschen nur noch als Verwertungsobjekt wahrnehmen, ist das Pendant des „Versailler Vertrages“ einhundert Jahre später – und wer hat uns wie immer verraten: damals wie heute – Sozialdemokraten!

Ein Tropenhimmel schwärmt in prächtigen Farben – ein wunderschönes Setting für den nahen Hafen. 2000 – wir warten auf den Lotsen. Mit „Dead Slow“ nähert sich „Jean Gabriel“ den Lichtern der Stadt, die wir nur ahnen, aber nicht sehen dürfen. Ohne diese Unterbrechungen der Seereise gerinnt der wochenlange Ausflug nach Südamerika zu einem langweiligen – „same procedure as every day“ – WindWellenWasser- Erlebnis. Irgendwie bin ich dann doch in ein Loch gefallen – die Spannung der Reise, die doch eine neue Dramaturgie nach Ankunft in San Antonio versprach, ist dahin. Alles verflacht – die Lust, die Laune, die Laute. Und wenn dann noch der verwässerte Blumenkohl sich mit dem ledernen Rindfleisch paart, ist der Tag gelaufen. 2300 Lotse ist endlich an Bord. Buenas noches!

Tag 24 … Callao, die verbotene Stadt.

0100 – endlich fest. 3 Stunden Gewackele ohne Fahrt im Warten auf den Lotsen. Und am Morgen ein lausiges Bild, trübe Aussicht auf eine ansonsten flirrende Stadt, die sich schon herbstlich eingekleidet hat. Plötzlich ist alles schwer, irgendwie „seltsam, im Nebel zu wandern…“. Wir stochern im Nebel. Gisela trauert um die verlorenen Tage in Neuseeland; sie kündigt in ihrer sms an, schon nächste Woche zurück zu fliegen. Das Risiko, hängen zu bleiben, ist ihr zu gross. What a life. Ein historischer Moment – vielleicht auch die letzte Gelegenheit, auf Frachtern mitzufahren. Und um das Mass voll zu machen, schickt Arne Gudde uns auch schon mal prophylaktisch die Kostennote für die Rückreise.: „Arne, wir haben keinen Vertrag für den Rücktransport; der geschieht ohne, nein, gegen unseren Willen“. CMA CGM versteckt sich hinter dem Agenten, als sei das alles zum Wohl der Passagiere; aber wir sind ab San Antonio keine zahlenden, sondern deportierte Passagiere. Mein Hirn blättert unter „812“ – ungerechtfertigte Bereicherung, aufgedrängte Bereicherung und der Aufrechnung mit all der Liebesmüh, 11 Tage auf das Schiff zu warten. Ob Rotterdam oder Hamburg – das werde ich kurzfristig entscheiden. Mir ist irgendwie kalt.

Wenigstens die Sonne wagt sich hervor und gibt Callao einen eigenwilligen Reiz mit der weit ins Meer hineinreichenden Landzunge und den unüberschaubaren Mengen an Containern, mit denen sich Schiffe und Land füllen. 5 Kräne arbeiten an unserem Schiff und räumen aus. Die Kirche ist hier – anders als in Panama City – immer noch das höchste Gebäude.

Wir sind zur Untätigkeit verdammt, nicht einmal ein Spaziergang auf Deck „U“ ist angesichts der Ladearbeiten angesagt. So gewinnen plötzlich Sorgen Raum, die vorher nie eine Rolle gespielt haben – Kontakte, das war doch alles bis Valparaiso berechnet – und nun nochmals 4 Wochen mehr, es ist wie im Kloster unter Trappisten, aber die dürfen sich nicht einmal untereinander austauschen, es sei denn im Gebet. Wolfgang hat sein Passwort vergessen – mit dem verschossenen Handy auch die ganze Liste der Buchungsnummern. Und schon vergeht ihm das Lachen, weil er sein Hotel in Valparaiso und seinen Flug nicht stornieren kann. Ich habe Glenn gebeten, uns entweder einen Code fürs lokale Internet zu besorgen oder aber eine Mail-adresse einzurichten – mal sehen, ob er wenigstens das schafft; ich musste ihn daran erinnern, dass er unser Ansprechpartner ist, sonst berichte ich dem Kapitän. Es brodelt.

1830 Kein Zeichen von Glenn, der sauer ist, weil ich ihn in der Mittagsruhe gestört habe – „one minute, Captain“. Ich halte ihn am Tisch an und schildere, dass wir in dieser neuen Situation unseren Familien Bescheid geben – ob er uns hilft, uns eine Mail-Adresse zu verschaffen. Und siehe da – ab nun läuft alles schnell. Rick erscheint am Tisch und will mir ein paar megabites fürs Internet verkaufen, das ist mir zu teuer, ich möchte nur eine Mail senden. Das System gibt es nicht mehr auf dem Schiff – aha ? Wie kommen denn alle diese Ausdrucke an, bevor der Printer sie ausspuckt ? Nein, gibt es nicht. Kaum sind wir in blasser Stimmung aufgestanden, tönt das Telefon – der officer on duty meldet sich, ein PC stünde bereit für Mails. Erschreckend und erstaunlich zugleich – und Rick spielt den 2nd officer an Bord. Kim ist der „officer on duty“ auf Deck „U“, hat alles arrangiert, und ich muss nur noch eintippen, mit Kopie an den Käpt‘n. Danke!

Tag 25 …Wochenend und Sonnenschein, und dann…

Der Schalmeienklang der Nacht, als mit Alarmsirenen die letzten Zwischendecks eingezogen werden, ist verklungen, die leisen Geräusche der See und das leichte Rollen des Schiffes geben uns Gewissheit – es geht weiter: Wir segeln Kurs Südsüdost. Chile ist nur noch drei Tage und zwei Zeitzonen entfernt. „Buenas dias, que tal ?“ mische ich den morgenmüden Tisch auf: „Vamos para Chile, amigos“. Wie verliefe eigentlich das Spiel, wenn jeder am Tisch nur seine Sprache spräche und wir uns nur über Gesten und Gurrlaute unterhalten müssten – wir wären wieder Kinder, die eine gemeinsame Sprache erfinden, um sich zu finden. „Plopp, Haluwa, Lil“ – wie war das noch, Freunde ? Erinnerung verblasst.

„Isch over“, möchte man die Fratze des Neoliberalismus in unserem Lande zitieren, wenn man die Schlussfolgerung von Frankopan und seinem tollen Abriss der vernachlässigten Geschichte des Ostens teilt: Geld und Gier hat ausgedient, die desaströse Politik des Westens – sprich: der Vereinigten Staaten und ihre liebedienerischen Vasallenstaaten in der NATO – nach dem II. Weltkrieg, die mit imperialer Gewalt unter Bruch des Rechts und – schlimmer noch – der Loyalität allein darauf ausgerichtet war, andere Länder und Kulturen, die dem „american way of life“ im Wege stehen, mit Regimechange zu bedrohen oder zu bestrafen (Korea, Iran, Vietnam, Kuba, Chile, Nicaragua, Grenada, Panama, Afghanistan, Irak, Angola, Somalia, Jemen, Libyen, Syrien, Venezuela u.a.m.), zum anderen die für die Überflussgesellschaft notwendigen Energien Öl und Gas herbei zu schaffen („no blood for oil“). Kissinger, Brzsinski, Reagan (Irangate), Bolton, Bush, Rumsfeld, Cheney und Wolfowitz geben dieser Politik über die Zeiten das schärfste Gesicht, Guantanamo und Abu Greib das prägnanteste Bild.

Churchill hatte dazu in der Konferenz von Jalta mit dem Eisernen Vorhang die Interessensphären für die Zeit des Kalten Krieges von 1945 bis 1990 abgegrenzt und damit die Grundlage geschaffen, Amerika mit seiner Hybris, die Welt vor dem Kommunismus zu bewahren, unter Bruch des Vertrauens seine Militärmacht in völkerrechtswidrigen imperialen Kriegen „im Interesse nationaler Sicherheit“ in jenen Gebieten tödlich, gewaltvoll und schmählich eingesetzt, in denen Frankreich (Indochina/Syrien) und England (Afghanistan, Irak, Iran, Palästina) ihre chaotischen „Lineal- und Bleistiftgrenzen“ ohne Rücksicht auf nationale Identitäten hinterlassen hatten. China hat sich jedoch im Inneren nach dem „langen Marsch“ 1948, der Kulturrevolution des Mao Tse Tung 1976 und der wirtschaftlichen Neuorientierung des Deng Tsao Ping einer neuen Dimension verschrieben, auf deren Weg sie die zurückgebliebenen und vom Westen ausgebeuteten und vergessenen Nationen nicht unterjocht, sondern mitgenommen haben: die Neue Seidenstrasse – eine Idee der weltweiten Kooperation, die die Eigensucht eines verwesenden Imperiums „America First“ sichtbar macht und wirtschaftlich überrollt:

Der Westen hat verloren – an Ansehen, an Glaubwürdigkeit, an Vertrauen: Demokratie ist in dieser neoliberalen Verfassung kein leuchtendes Ziel, die Menschenrechte in dieser Missachtung kein verlässlicher Massstab, das Völkerrecht nicht einmal mehr eine Empfehlung, geschweige denn, dass man diese Kriegsverbrecher Busch sen., Busch jun. Clinton, Obama, Trump auch nur ächtet, geschweige denn vor Gericht stellt. Es fehlt der „Westlichen-Werte-Welt“ nach Aufgabe von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die Kraft, eine neue globale Idee zu befördern. „Demokratie, Freiheit und Menschenrechte“ sind nurmehr leere Hülsen und Kolonisationshilfen in einem militärischen Rammbock, der sich allein an imperialen Interessen und ökonomischen Profiten orientiert: Der Raubtier-Kapitalismus frisst seine Kinder !

Und dabei hatten wir einmal eine Idee, die die Gräben hätte verschütten können, Kapitalismus und Kommunismus in eine Synthese zu führen, Ost und West in ihren eigensten Errungenschaften zu respektieren und zu vereinen – der „Demokratische Sozialismus“, dessentwegen ich in die SPD ein- und bei dessen Verabschiedung durch die Agenda 2010 ich – zu spät – ausgetreten bin. Und wenn dass die Struktur im Innern, dann ist das „Friedensgebot“ der UN-Charta nach aussen die zweite Säule, auf der die Diplomatie Interkulturalität und Akzeptanz der Systeme anerkennen kann, ohne einen „Clash der Kulturen“ weiterhin durch unilaterale Interessenpolitik zu provozieren.

„Kaum ist man heimisch einem Lebenskreise und träge eingewohnt, so droht erschlaffen. Nur wer bereit zu Abschied ist und Reise, kann lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ – Hermann Hesse macht mir bewusst, dass Langeweile keinen Trost birgt. Und dennoch spüre ich Erschlaffen im immer gleichen Rhythmus. Auch unser Gespräch wird einsilbiger und tritt sich in den alten Spuren fest. Ich übe mich in Schweigsamkeit. „Gute Nacht, Freunde“ – begleitet mich Hannes Wader in die Nacht.

Tag 26 … Kreuz des Südens inmitten der Milchstrasse

0330 – der Tag beginnt eine Stunde früher. Auf der Fahrt nach Chile werden die Uhren wieder vorgestellt. Auf Aussendeck „F“ ergibt sich bei starken Winden ein Blick in die Nacht: Die Erhabenheit dieses Sternenzelts zusammen mit der Weite des Meeres im Dunkel der Nacht – eine Raum-Zeit-Erfahrung der Unendlichkeit in meiner Eindimensionalität. Das Kreuz des Südens lacht mich an.

„Also sprach Zarathustra…“ – Friedrich Nietzsche hat mich noch einmal in seine Höhle gelockt, aus der heraus er den Propheten und seinen Namen nutzt, um die eigene verächtliche Botschaft zu platzieren: Comedy, Kabarett – jedenfalls voller affektivem Zynismus und einer phantasievollen Orthografie, die alle Stilelemente des Erzählens nutzt, ohne dass sich ein Sinn aus dem Zusammenhang ergäbe, der mehr ist als nur ein Satz: “Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“. Mit dieser Wucht prasselt seine existenzielle Philosophie auf dich ein, es ist, als ob er in trunkenem Zustand sein Diktiergerät bemüllt und es ihm überlassen hätte, die Satzzeichen nachträglich zu setzen. Wer erwartet hatte, mehr über die Zoroastrier zu erfahren, sieht sich enttäuscht: „Zarathustra“ ist und bleibt nur eine Metafer.

Noch 20 Stunden bis Puerto Angamos/Antifagusta – unserem vorletzten Hafen in Chile.

Nun schaukelt es wieder mächtig – die lange Welle des Pazifiks hat das Boot erreicht, der Fahrstuhl ist „out of service“. Sehnsüchtig gleitet mein Blick durch die Fenster meiner Kabine in die Weite – vor fünf Jahren lag am Ende der Reise „Auckland“; Gisela, Malcolm und Helen erwarteten mich. Nun erwartet mich niemand, schlimmer noch: Valparaiso ist kein Ziel mehr, sondern nur noch ein Ort auf einer Reise ohne Information durchs Ungewisse. Ich bin Gefangener meiner Selbst und weiss mich nur zu retten, indem ich mir immer wieder sage: Das Boot ist der sicherste Ort, vor dem Virus bewahrt zu werden. In Chile wie in Deutschland ist das öffentliche Leben, der Verkehr und wohl auch der private Umgang auf Eis gelegt; die letzten Nachrichten sagen, dass diese Vorsorge bis zum 19. April 2020 anhalten soll. Das tröstet. Was würde ich jetzt in Chile noch sorglos unternehmen können – immer das drohende Schwert über mir, als Ausländer in Quarantäne gesteckt zu werden, immer der Verdacht, der auf einem lastet, „ist er infiziert ?“, von der Ungewissheit einer Rückkehr per Flug gegenwärtig ganz zu schweigen. Insoweit sind die Verhältnisse an Bord eine Wohltat und noch geordnet, wenn ich davon absehe, dass ein Nachschub an Vorrat der Küche wohltun würde, manche Güter sind einfach „out“.

Noch neun Stunden bis Puerto Angamos. Die Nacht dreut, der Sternenhimmel versteckt sich hinter Wolken. Das Schiff rollt und wiegt mich in den Schlaf.

Tag 27 …Wüstenei Puerto Angamos

0830 – geschafft, mit leichter Hand streift „Jean Gabriel“ steuerbords an die gepolsterten Kaiwände, erschöpft nach 2 Stunden Einfahrt läuft das Anlegemanöver professionell ab: Leinen, Steg, Brücke. Wie aus dem Boden gestampft, die Hafenanlage in der weiten Bucht, Tanklager und Containerboxen auf der künstlichen Anhöhe, nur ein Kai mit vier leichten Liebherr-Kränen, überschaubare Lagerkapazitäten – und Schmauch und Rauch aus allen Rohren, die das Industriegebiet zu bieten hat. Die Crew hat Mundmasken angelegt, wir laufen noch frei `rum, sind Chile bis auf einen Schritt nah – und doch so fern, weil dieser eine Schritt nicht getan werden kann und darf. Nicht einmal Wehmut kommt auf. Das ist die im Alter entdeckte neue Gegenwart – positiv das Hier und Jetzt zu erleben, was ohnehin nicht geändert werden kann, wenn nicht die Neugier wäre zu wissen, was wäre, wenn…

Der Tag ist zu warm und die Arbeiten zu laut, um sich aufs Aussendeck zu begeben, die Kabine leise und heimelig – ein kleiner Streifzug durch die Bücher sei erlaubt: Michael Lüders hat in „Wer den Wind sät…“ noch einmal den Tenor unterstrichen, den Peter Frankopan in seinem historisch weiter gespannten Bogen bereits erarbeitet hat – ergänzt um die Palästinakatastrofe, die die Briten nach ihrer Balfour-Erklärung 1917 und dem Ende Ihres Mandats 1947 hinterlassen haben. Friedrich Schiller rührt mich in seinem Gedichtband immer wieder an mit seinen Balladen, von denen ich die „Kraniche des Ibykus“ sowie die „Bürgschaft“ besonders schätze. Aus Jean Jacques Rousseau`s „Gesellschaftsvertrag“ sind mir zwei Gedanken hängen geblieben: Zum Einen – eine Definition der „Gleichheit“: Keiner soll soviel haben, dass er sich einen anderen kaufen kann; keiner soll so wenig haben, dass er sich verkaufen muss. Und zum Anderen – die fatale Rolle der Religion im Kapitalismus: Wer die Menschen aufs Jenseits zu vertrösten versteht, macht ihnen die Sklavenarbeit im Diesseits erträglich. Rilke`s Liebesleben findet sich in seinem Gedichtband wieder und seine Worpsweder Freundschaft mit Heinrich Vogeler wird von Klaus Modick in „Konzert ohne Dichter“ in Anlehnung an das bekannte Bild hervorragend beschrieben. An Goethe`s Meister „Lehr- und Wanderjahre“ traue ich mich noch ebenso wenig ran wie an den Schinken von Fjodr Dostejewski „Die Brüder Karamasow“, die ich schon vor drei Jahren auf der Eisenbahntour durch Sibirien mal angefangen habe.

Rousseau, Morus, Locke und die übrigen Denker des Politischen haben mich zudem angeregt, mir selbst einmal mein „Utopia“ in ein paar Sätzen nach der eigenen politischen Erfahrung – parlamentarisch wie ausserparlamentarisch – zusammen zu tragen, die da lauten können:

1. Staat definiert sich allein im Gemeinwohl; die Würde des Menschen ist unantastbar. Staatsziel ist ein demokratischer Sozialismus, der allein dem Friedensgebot der UN-Charta zu dienen hat.

2. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus; seine Vertreter werden alle 5 Jahre mit Mehrheit in 800 landsmannschaftlich und territorial ausgewogenen Kreisen zum Bundestag gewählt.

3. Die Staatsgewalt ist geteilt in gesetzgebende, verwaltende und richtende Gewalt, die sich wechselseitig kontrolliert; keine Person darf gleichzeitig Mitglied in mehreren Gewalten sein.

4. Das Volk wählt als Repräsentanten alle 10 Jahre einen Präsidenten, der den Kanzler ernennt, dessen Regierung aus der gleichen Zahl von Abgeordneten jeder Fraktion gebildet wird. In die Regierung gewählte Abgeordnete verlieren mit dem Amtsantritt ihr Mandat. Einmalige Wiederwahl ist zulässig.

5. Die Regierung hat kein Gesetzes-Initiativrecht; sie verwaltet die Gesetze und vollstreckt sie. Die Länder werden landsmannschaftlich neu gegliedert; das Volk wählt Senatoren auf 5 Jahre in einen Senat, den die Regierung zu Regierungsvorhaben oder auf Anfrage des Landes öffentlich anhört.

6. Die dreigliedrige Verwaltung – Bund, Land, Kreis – orientiert sich an Bürgernähe in den Prinzipien der Mündlichkeit, der Dezentralisierung und der Vergesellschaftung des Staates. Sie wird in den Kreisen durch einen Direktor geführt, der für die Dauer von 10 Jahren gewählt wird. Allzuständige Gemeinden werden von Bürgermeistern selbstverwaltet, die sich alle 10 Jahre zur Wahl stellen.

7. Die Rechtsprechung wird durch unabhängige Gerichte ausgeübt. In den Kreisen werden ortsnah Friedensgerichte gebildet, die einen Streitfall binnen eines Monats nach Eingang der Klage kostenfrei mündlich erörtern und vergleichen, andernfalls den Rechtsstreit an die zuständigen Fachgerichte abgeben. Friedensrichter werden auf Lebenszeit durch die ortsansässige Bürgerschaft gewählt.

Die Präsidenten der Fachgerichte werden vom Volk auf die Dauer von 5 Jahren aus dem Kreis der Fachgerichte gewählt. Die weiteren Richter der Fachgerichte auf Lebenszeit werden auf Vorschlag der Regierung von Bürgerräten gewählt, die jeweils nach dem Zufallsprinzip erkoren werden.

8. Strafverfahren enden mit Einstellung oder einem Schuld- oder Freispruch; die Strafe wird nach einem fachlichen Interlokut vom Gericht festgesetzt. Die Strafe und ihr Vollzug berücksichtigen die soziale Kompetenz des Schuldigen und fördern seine Mitwirkung an einem straffreien Leben; der langzeitige Aufenthalt in geschlossenen Vollzugsanstalten ist wegen eines Rückfalls in die Kriminalität zu vermeiden. Die Anstalten spiegeln im Vollzug die Alltagswirklichkeit, die Gefangene erwartet.

Tag 28 die Südsee rauscht…

Kurz nach Mitternacht stösst die Jean Gabriel von der Kaimauer ab, die kleinen Kräne mit den beweglichen Trägern haben ihre Aufgabe anstandslos gemeistert und sich nach getaner Arbeit hochgeklappt; die Arbeitslichter an Bord gehen aus, „fertig machen zum Ablegen“. Langsam schieben die beiden Schlepper den schweren Kahn, eher erleichtert nach der Entladung, um die eigene Achse und schon steht die Bugnase wieder im Schwall zunehmender Knoten. Ich sehe Castor und Pollux.

Mein Blutdruck hat sich verstiegen – Grund wohl ist die Mail, die Arne Gudde an den Kapitän gerichtet hat, mich doch gefälligst anzuhalten, den Rückreisevertrag zu bestätigen und die danach fälligen Kosten möglichst schon jetzt per Kreditkarte zu überweisen, indem er ihm und der Crew gleichzeitig mitteilt, ich hätte mich geweigert, das Angebot des Rücktransports anzunehmen. Meine Antwort geistert mir schwer durch den Kopf, mein Blutdruck beruhigt sich nicht. Und das alles wegen 2.000 €. Von 0900 bis 1130 sitze ich am Computer auf Deck „U“ und zaubere eine Mail nach Strich und Faden, die er sicherlich im Büro aushängen wird – nun ist mir wohler. Ich bin – wie sagt man so schön – tiefenentspannt. Die See schlägt bei Wellen bis zu 3 m hart an. Der Aufzug ist „out of service“ – ein untrügliches Zeichen, dass es stürmt. Heute Mittag werde ich den verlorenen Schlaf nachholen.

Und gerade als ich soweit war, bat die Brücke uns nach oben: Rick hat uns das Internet eingerichtet – es wirkt wie ein Befreiungsschlag auch wenn es sehr langsam ist, aber die weite Strecke zum Satelliten will aufgebaut werden. Harald hat es offensichtlich schon lange, es uns aber nicht wissen lassen, sonst hätten wir längst ein paar Mails in die Welt senden können – ein bisschen Falschheit liegt in ihm, er öffnet sich deshalb auch nicht, ich gehe keinen Zentimeter zu nahe an ihn ran. Der Nachmittag verfliesst im Internet – besonders die Seiten über die Coronavirus-Entwicklung und – massnahmen interessieren. Merkel selbst ist in Quarantäne gegangen, ich habe ihr salbungsvolles Gerede über „jetzt sind wir alle verantwortlich“ gehört und „Bleibt zu Hause“, „Lasst die Omas und Opas allein“ streifen mein Gemüt.

Nachmittags frischt der Wind auf – ein 7er pfeift um die Ecken, bläst aber auch die Wolkendecke auf. Der Himmel wird blau, der Tag legt ein sommerliches Kleid auf – einer riesige Schule von Delphinen gesellt sich um das Boot, haben sich einen Fischschwarm aufgebaut, den sie genüsslich zerteilen, während sich die Vögel an den Resten guttun, die zu nahe an die Oberfläche geraten. Sie hinterlassen einen Strudel an Weisswasser, wenn sie sich in der Jagd tümmeln. Glenn auf Wache hat sie schon früh auf dem Radar entdeckt, sie werfen Radarschatten, so viele sind es diesmal. Und dann die Entdeckung: der deutsche Botschafter in Santiago organisiert für die gestrandeten Deutschen in Chile einen Flug Mitte der Woche – genau das habe ich vermutet und erwartet, dass Langsamreisen das organisiert, um seinen Reisevertrag zu erfüllen und auf die Gegebenheiten zu reagieren. Aber ich denke, wir bleiben auf dem Schiff, das ist für weitere 30 Tage der sicherste Ort: Noch 24 Stunden bis nach Valparaiso – ohne einen Schritt auf den Kontinent getan zu haben, auch ein berichtenswertes Nicht-Ereignis.

Tag 29 …das Ziel ist nah und doch so fern

0800 – und wenn wir nur einen Schritt auf südamerikanischen Boden tun, wird der Kapitän uns nicht mehr an Bord lassen. Erstens, weil wir Ansteckungsgefahr sind, und zweitens, weil wir keine Reise gebucht haben, und drittens, weil CMA CGM überhaupt alle Passagen von Südamerika nach Europa storniert hat. Also werden wir den Teufel tun, auch nur einen Schritt aufs Land zu setzen: Ein kleiner Schritt in die Menschheit, ein zu grosser Schritt für uns. Valparaiso – noch 12 Stunden! Steife Brise. Mein Ziel versinkt im Nebel, der an meinem Fenster abperlt. „Seltsam, im Nebel zu wandern…“

Und dann laufen sie doch wieder über die Wasser, die Gedanken, tauchen in jede Welle, gleiten und brechen sich in den Winden, die den Wellen Kronen verleihen. CORONA – eine Massenhysterie, ich höre, Menschenansammlungen nicht mehr als zwei, Körper-Distanz 1,50 m, Gespräche mit dem Opa nur per Telefon, Gisela in Haus-Quarantäne. Ich lese, wie wichtig ihr jetzt Heimat ist „zu Hause sein wollen“. Heimat aber i s t nicht, Heimat f i n d e t man, sie wartet irgendwo auf uns am Ende unseres Verlangens „hier zu sein – bei sich zu sein“. Ist es nicht vielleicht so auch – mit Gott ? fragt Rilke, dass er immer erst am Ende meiner Sehnsucht steht, dort wo alles sein Richten und seine Richtigkeit findet. Dass er immer eine Fiktion bleibt, eine Metafer für das Vollkommene gegen das Unvollkommene, das Unendliche gegen das Endliche, das Vollendete gegen das Unvollendete ? Wer weiss, ist er dann auch das Unbestimmte gegen das Bestimmte, damit sich alle an ihn klammern können – die Versöhnlichen wie die Unversöhnlichen, die Verwöhnten wie die Unverwöhnten, die Glücklichen wie die Unglücklichen, die Versehrten wie die Unversehrten ? Gott sei meiner Antwort gnädig.

Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke lassen den Barkenhoff in Worpswede und Paula Modersohn-Becker wieder aufleben – ein Menschenfreund der eine, ein eitel besessener Geist und Schürzenjäger der andere – ich habe das Buch verschlungen, sehr lebendig geschrieben von dem Oldenburger Klaus Modick. Die Musik dazu liefert der ruhig dahin tändelnde Kahn, der sich auf „dead slow“ eingependelt hat – Ankunftszeit auf 0500 morgen früh verschoben, das sind ganze neun Stunden Wartezeit, ehe wir am „Ziel unserer Träume“ ankommen. Valparaiso – linker Hand im Dunst – hat einen Hafen, der aber ist für ein 100.000 BRT Containerschiff zu klein – und San Antonio lässt uns warten. Es dunkelt…

Tag 30 Traumziel erreicht – quasi

0600 – vor genau einem Monat habe ich mich in Wesseling auf die Socken gemacht, jetzt bin ich angedockt, aber nicht angekommen im Hafen von San Antonio, dem Container-Tiefseehafen für Valparaiso und Santiago. Kaum der Dusche entronnen, ruft Kim uns in das Büro des Kapitän‘s: Fiebermessung angesagt – negativ. Nach dem Frühstück müht sich Kim als officer on duty, meinen Laptop kompatibel zu machen, um mails versenden zu können; nach einer Stunde vergeblicher Liebesmüh‘ nutze ich den bordeigenen Computer, um eine mail an Gisela und Karsten abzusetzen. Ich denke, die positive Standortnachricht reicht, um Gewissheiten zu vermitteln – den Rest spare ich mir.

In der Tat – ein unvollkommenes Ende einer grossen Seefahrt, aber ein Glück im Unglück – wir sind auf einer Arche Noah, einer sicheren Insel – auf unserem Schiff. Wenn hier keiner erkrankt, sind wir Ende April möglicherweise über‘n Berg. Was sich als Manko abzeichnete, wird zum Rettungsanker, je mehr ich im Internet über das Virus und die Geschwindigkeit seiner Verbreitung lese. Und wer es wieder alles nutzt, um die Guten von den Bösen zu trennen. Wir haben seit der Privatisierungskampagne der Krankenhäuser die Ressourcen abgebaut, die Pflege personell entkernt und verwundern uns jetzt, dass der Kapitalismus mit den Katastrofen keinen Profit mehr machen kann – alle schreien sie nach Geld für den Risikoausfall. Und die Kampagnennachrichter sorgen dafür, dass der Ruf der Geschundenen nicht allzu laut wird, weil ja doch unsere Regierung sofort reagiert hat – mein Gott: mit welch unbestimmtem Zahlenmaterial – „infiziert“, „positiv getestet“, „Sterberate“: alles dürre Daten, aber starke Angstmacher. Mit Angst lässt sich halt gut regieren. Meine These bestätigt sich einmal mehr: Der Mensch lernt nicht durch Kopf, sondern nur durch Katastrofen – insofern ist das wieder ein historischer Moment – ein weltweiter 9/11. Mal sehen, wie altbacken wir aus dieser Situation herauskommen, nachdem Ebola, Schweine- und Vogelgrippe uns medial auch als existenziell bedrohlich verkauft worden, aber dann im Schlund der Vergesslichkeit abhanden gekommen sind.

Ich kann nicht leugnen, ohne Anspannung zu sein: Ich höre vertieft auf Signale des Körpers.

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Sehnsuchtsort „Panama“ – der Kanal https://www.der-schauspieler.de/sehnsuchtsort-panama-der-kanal/ Tue, 21 Jul 2020 12:12:30 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=392 Mehr »]]>

Tag 15. Zwischenspiel… 3.000 Container abladen, 3.000 Container aufladen, 6.000 Kranbewegungen an 4 Kränen, 6.000 Fahrten mit dem Containobil – 2 – 3 Minuten für beide Lade- einheiten, 80 – 100 Ladevorgänge in einer Stunde, nun arbeiten sie schon 18 Stunden in Schichten ohne Unterlass, heben die Zwischendecks aus – ein kräftiger Wind weht in 50 m Höhe auf Deck F -, setzen die Boxen korrekt in die Spanten und Nuten, das rot springt auf grün: „o.k.“ – die Boxen sind ausgetauscht. 2000 lt in Cartagena – Zeit zum Ausrauschen, aber noch kein Anzeichen fürs Ablegen: Warten – Weilen. Ich staune über die perfekte Organisation von Massen. Respekt vor der Arbeit.

Tag 16. Tropisch… 30 ° C und eine unendliche Flotte verrottender Dampfer liegen als Konvoi am Eingang des Kanals, aus dem sich langsam ein Kreuzfahrtschiff bewegt. Wir liegen 30 Minuten auf Warteschleife, ehe „Pilot Panama“ endlich eintrifft, um uns in den Hafen von Manzanillo zu lotsen. Zentimeter um Zentimeter bugsieren uns die beiden Schlepper an den Kai, an dem sich die Kräne nurmehr durch ihre Farbe von denen in anderen Häfen unterscheiden: Kurz nur die Zollformalitäten – und schon beginnt das Laden und Entladen, hier nur an zwei Kränen. Das ewig gleiche Konzert: Es klappert und scheppert nach Lust und Laune, der Lärmpegel erreicht gelegentlich 90 db; erst wenn ich das Fenster geschlossen halte, bleiben die Geräusche im Mitteltonbereich: Business as usual – und selbst der Kapitän weiss noch nicht um die Abfahrtszeit in den Kanal. Wir sind alle gespannt: Der Kanal ist Mitte und Höhepunkt der Seereise.

Tag 17 Panama-Kanal… Um0200 schiebt sich der Kahn langsam aus der Umklammerung der Kräne; zwei Schlepper und ein Lotse verhelfen ihm noch durch die schmale Hafenausfahrt von Manzanillo – und mit einem 180° Schwenk nimmt der Pilot Kurs auf die Lichter der Kanaleinfahrt, die linker wie rechter Hand mit einem Breakwaterwall gefestigt sind. „Dead slow ahead“ ist angesagt, damit der Hafenpilot aus- und der Schleusenpilot einsteigen kann. So dümpelt das Boot vor sich hin – und setzt sich auf die linke Seite der Schleusen, die 2016 neu ausgebaut worden sind, um Schiffe bis zu 50 m Breite und 300 m Länge aufzunehmen, während rechts sich ein Kreuzfahrtschiff der TUI in den alten Gatun-Kanal schiebt, der die Geschichte des Panama-Kanals erzählt:

Schon 1534 denkt in Spanien Karl I. an eine Querung der Kontinente am Isthmus von Panama, auch die Franzosen versuchen sich 1880 – und scheitern nach 20 Jahren an den Finanzen. Die USA entdecken den wirtschaftlichen Wert des Kanals, kaufen den Franzosen die Rechte ab und setzen das technische Wunderwerk nach zehn Jahre und 387 Millionen $ Kosten am 15.08.1914 in Szene.

Die Talsperren, die Technik der schweren Schleusen über mehrere Stufen, der Einsatz der Pumpen, um den Gatun-See als Schleusenwasser zu nutzen, sowie die Organisation der Schifffahrt durch ein enges Tal waren die mächtigen Anforderungen der Zeit. Die maritime Organisation teilen sich später Panama und die USA in einem Vertrag von 1979, den Panama 1999 alleine übernimmt und damit sein Staatsbudget finanziert: Die Schiffspassage unseres „Jean Gabriel“ kostet – nach Angaben von Wolfgang – runde 450.000 $ – und hier stehen die Schiffe Schlange: 1.000.000 Schiffe haben seit dieser Zeit den Kanal von Nordwest nach Südost oder umgekehrt befahren, die kleinen Katamarane und Segelschiffe nicht mitgezählt, die sich hier an die Seite zwischen den grossen Kähnen drängen; Die zunehmende Zahl von Schiffen im Jahr werfen Millionen von Dollar in die Kasse des Staates, ein sattes Häppchen bleibt wohl übrig, wenn die Kosten der Unterhaltung und Wartung der Anlagen entrichtet sind. Die Auskiesung hält die Wassertiefe bei etwa 13 m, in trockenen Jahren – wie heuer – sind ein 1 – 2 m niedriger Wasserstand ein maritimes Problem.

Nebenan wartet China in Honduras mit einer weniger anfälligen Transitalternative auf: Panama kämpft um seinen Kanal, der sich 50 nm von Nord nach Süd an der engsten und tiefsten Stelle der Wasserscheide zwischen Nord- und Südamerika auf einer Höhe von etwa 100 m erstreckt.

Pünktlich um 0600 öffnen sich die ersten beiden Doppelschleusen unter Blink- und Lautzeichen, zwei Schlepper helfen dem Schiff in die richtige Einfahrt; sehr langsam füllt sich das Becken und entlässt uns gegen 0700 in die zweite Stufe. Das schnelle Frühstück schiebt sich dazwischen, um gegen 0800 auf Deck F die Ausfahrt aus dem dritten Lock in den Gatunsee zu erleben, nachdem wir ca. 1.000 m weiter und 30 m höher ausgeschifft haben. Der See hat sich mächtig vergrössert, nachdem die Erbauer den Chagres River mit einem 800 m langen Erddamm aufgeschüttet haben. An seinen Rändern zieht sich die Gatun-Bahn dahin, die die beiden Terminals entlang der Transitstrecke miteinander verbindet. Fischadler ziehen ihre Kreise über unseren Köpfen. Das Schiff fährt extrem langsam, es hat bei dem niedrigen Wasserstand einen Tiefgang von 13,9 m, der nur in die Mittelfurt passt, aber entgegenkommenden Schiffen wieder passieren lassen muss. Der Schleusenlotse wechselt mit dem Kanallotsen.

Rund 9 Stunden sind statistisch eingeplant für den Transit durch den Gatunsee über 23,5 nm zum Gaillard Cut, einem engen Talschnitt, wo die kleineren Schiffe die Pedro Miguel Locks erreichen, die den Blick auf den 200 m hohen Goldhügel freigeben. Nach einer 10 m Schleuse auf einer Länge von etwa 1.400 m fahren sie in die Miraflores See ein, um nach zwei weiteren Stufen an der Miraflores-Schleuse bei Balboa erst die „Brücke der Amerikas“ und sodann die Tiefen des Pazifiks zu erreichen. Wir nehmen die westwärtige Route, wo die frisch gegrabenen Ränder eifrige Weiterungen sichtbar machen, und gelangen um 1500 in die letzte, dreistufige Schleuse, die uns auf Normalnull des Pazifiks bringt. Seitwärts zwirlen sich hinter den Hügeln die gesichtlosen Türme von Panama City in den Himmel, vor uns die eindrucksvolle Brücke de las Americas – und eine ansehnliche Zahl von Schiffen, die nur darauf warten, dass wir die Schleuse verlassen – 1630 zeigt die Uhr, als wir dem Schleusenpiloten „Adios“ sagen – und uns wieder auf freie Fahrt begeben

Ich möchte singen vor Glück, ein weiteres Highlight der Reise in einer ansprechenden Gesellschaft auf einem anspruchsvollen Trip. Heute Abend wird gefeiert, an einem Black Friday – sei‘s drum! Die Flasche „Bordeaux – Chateau Gravelle“ ist geordert – ich decke den Tisch in der Messe um 1700 ein.

Und alle folgen – ich bringe einen Toast aus auf einen wundervollen, abwechslungsreichen Tag, unsere erbauliche Mannschaft, die sich emanzipiert hat gegenüber der Crew und ihr Eigenleben führt sowie eine heute schon unvergessliche Reise zu sich selbst. Mein Geschenk ein dekorativer Tonkrug, den ich für den Kapitän oder sonst eine liebenswerte Person vorbereitet hatte, überlasse ich Wolfgang, von dessen Empathie und Unterhaltungswert die ganze Truppe profitiert – und der mit dem „ewigen Schwaben“ ein ausreichendes Tema für die Abendunterhaltung liefert.

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Stürmische Zeiten – Atlantik https://www.der-schauspieler.de/stuermische-zeiten-atlantik/ Tue, 21 Jul 2020 12:12:00 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=390 Mehr »]]>

01.03.20 Atlantik…Wie in Abrahams Schoss habe ich geschlafen – und als ich das Fenster öffne, jagt der Sturm in die Kabine. Er steht uns gerade auf der Nase mit 8 Bf. Und unser Kahn zieht ruhig seine Bahn mit 15 kn ohne Seitendrift. Draussen plustert sich der Anorak auf; kaum finde ich Halt, wenn ich nicht im Windschatten stehe. Regenschauer treiben das Wasser auf Deck F voran. Mächtig Verkehr auf der Route Kurs 265° West. 32 Wegpunkte hat der Navigator auf dem Weg nach Cartagena postiert. Die kleinen Fisch-Trawler sehen wie Spielzeug aus, sie haben Wegerecht theoretisch, „Jean Gabriel“ hält unbeirrt Kurs.

Heute leistet mir Augustinus Gesellschaft, der nach seiner Wandlung vom Lebemann zum Kirchenvater den „Gottesstaat“ begründet, in dem nur noch die „Gnade Gottes“ waltet – Luthers „sola fide“ nimmt hundert Jahre später den Gedanken wieder auf, während Albertus Magnus und sein Schüler Thomas verzweifelt zuvor versuchen, der Vernunft wieder einen Platz in der Theologie zu verschaffen: Augustinus prägt mit seiner empathischen Gläubigkeit an das Reich und die Gnade Gottes ein ganzes Jahrtausend spirituellen Stillstands in der Kirche. Die Welt ist schlecht, die Menschen gewinnen nur Halt in Gottes Gnade. Der Staat ist, wenn die Gerechtigkeit fehlt, nichts anderes als eine Räuberbande, die die erbeuteten Güter unter denen verteilen, die ihn beherrschen. Und ich sehe immer noch das Bild mit der kleinen Putte am Strand des Mittelmeeres, die ihm erklärt, eher werde sie sämtliches Wasser in diese Strandkuhle giessen, ehe er das Geheimnis der Trinität erkannt hätte – also lass das Grübeln: lebe, Junge.

Auf der Brücke verteile ich meine Ritter-Sport-Schokolade – quadratisch, praktisch, gut. Ein Espresso begleitet die weiteren Gehversuche in spanischer Konversation – so viel Nähe zum Italienischen, das manchmal die Laute verklingen, ehe das doppelte RR wieder seinen spanischen Tribut einfordert, bevor sich die Zunge an einer Pasta marinara labt.

Die Sonne verleiht den weissen Wellenkämmen Glanz, gelegentlich ein hauchdünner Regenbogen, der sich zwischen Wasser und Wolke klemmt. Die fünf, sechs kleineren Schiffe in der Nähe rollen ganz schön, während unser Bock sie alle stehen lässt. Rutger Bregmann feiert sich ab an seiner Trilogie an Utopien: Systemwechsel – a) Einkommen: bedingungsloses Grundeinkommen, b) Arbeitszeit – Verkürzung auf 15 Wochenstunden, c) Steuern: auf Kapital und Vermögen statt auf Arbeit. Ich bin begeistert, mit welcher Leichtigkeit er unzählige Quellen verarbeitet, um seinen Ideen und Argumentationsketten ein Fundament zu schaffen: Offene Grenzen nicht nur für Waren, sondern auch für Menschen – wir sparen uns jegliche Entwicklungshilfe. Ich werde ein „Rando-nista“, d.h. ich glaube keiner Verheissung, keiner Überzeugung mehr, wenn sie sich nicht daten-mässig empirisch belegen lässt.

Gesättigt von solchen Inspirationen nehme ich die Treppe hinunter auf Deck A, um mein Tagessoll an Tretarbeit zu absolvieren, die ich mit einem Saunabesuch kröne. Die Unterhaltung bei einem Kaffee nach dem Abendessen gerät zu kurz, um sich zu vertiefen – hier und da ein kleiner Snack, ein kleiner Seitenhieb auf Brexit und britische Eigenheiten – bis 2000 Fuss ein Hügel, darüber ein Berg: „Der Mann, der einen Hügel hinauf kletterte und von einem Berg herunterkam“ – schwirrt mir durch den Sinn und mein Anstieg 1977 auf den 3.000-er „Snowden“ in Wales, bei dem sich feet und meter verwechselten.

Nun bläst Rasmus von der Seite – und unser Bock beginnt zu stampfen und zu rollen: stürmische Zeiten: Ich tagträume Bilder von Valparaiso – „Tal des Paradieses“, frei übersetzt. Und immerhin – schon Weltkulturerbe seit 1995.

02.03.20 Es bläst und plästert…. „Winterstürme wichen dem Sonnenmond“ – ich weiss ohne Wikipedia nicht einmal, wem ich diese Zeilen zuschreiben soll, aber es war mein erster Gedanke, als ich in neuer Zeitzone gegen 0400 plötzlich aufschrecke: Die Tür zum Kühlschrank klappt auf und zu, das Wasserglas rollt auf dem Boden auf mich zu und der Schreib-Drehstuhl tanzt auf der Stelle. Schwarz die Nacht, der zunehmende Mond hinter den Regenwolken versteckt. Wenn sich eine Welle an der Bordwand bricht, ruckelt und zuckelt das ganze Mobiliar; es treibt die Gischt an mein Fenster. Der Versuch, aus dem Bett aufzustehen, bleibt erfolglos – erst wenn sich das Schiff nach Steuerbord neigt, werden meine Hebelkräfte unterstützt und ich stürze in die Richtung, um mich an irgendeinem Stück Möbel festzuhalten. Das hört sich nach Orkan an; Glenn ist auf Wache, er wird den Kahn ein wenig aus dem querab einfallenden böigen Winden gegen den Schwall drehen, um das Rollen des Schiffs nach beiden Seiten nicht über 10 Grad wachsen zu lassen. Aber 10 Grad Steuerbord, 10 Grad Backbord alle 10 Sekunden – ich kann euch sagen, es bläst sehr.

Türen und Stühle gesichert, alle beweglichen Teile verstaut – im Bett lässt sich flach die Schaukelei am besten ertragen, die mich an die Überfahrt 2006 der Drake Passage in die Antarktis erinnert, wo die kleine „Alexander von Humboldt“ sich gar 15 Grad zu beiden Seiten rollte: Das See-Abenteuer nimmt seinen Anfang – und ich mir eine Prise Schlaf in gesicherter Seitenlage. Erst jetzt bemerke ich, dass das Bett seitlich Sicherheitsleisten eingebaut hat, die einen Ausfall aus dem Bett verhin-dern sollen. Reichlich unausgegoren schaue ich gegen 0730 aus der Wäsche und entschliesse mich, heute mal auf das Frühstück zu verzichten, zumal der Fahrstuhl bei dieser Seelage seinen Betrieb eingestellt hat und der Abweg über die 8 Treppen über vier Decks nur beidhändig sicher erfolgen kann.

Das Anziehen fällt schwer unter diesen Bedingungen, weil du ohne Sitz keinen Halt verspürst und Massen sich halt nach Massengesetzen bewegen. Also ran an Al-Farabri, Abu Bakr, Ibn Sina/ Avicenna und Averois – jene muslimischen Denker und Philosophen, die mit ihrem aristotelischen Denkansatz und dem Vorbild Mohammeds Religion und Recht in einen „vortrefflichen Staat“ mit einem „vortrefflichen Herrscher“ einbetten und Religion und Philosophie nicht – wie bei Augustinus – ineinander verfliessen lassen. Ihr Einfluss und ihr Verständnis ist so kurz geraten wie die Seiten im Buch. Stattdessen nimmt Thomas von Aquin, der Schüler des Albertus Magnus in Köln war, den Raum eines intellektuellen Kirchenlehrers ein, der sich der Versalbung von Religion, Philosophie und Gesellschaft durch Augustinus‘ „himmlisches Jerusalem“ versagt.

Versagen tut sich auch mein Kindle e-book, wenn ich es in die Bibliothek zurückführen will – offensichtlich ist nach fünf Jahren – oder sind es schon zehn – die Sollbruchstelle schon erreicht. Mittags stärkt uns der Messman Joe mit einem bulligen halben Hähnchen, ehe uns um 1600 Glenn eine zweistündige Führung durch sein Wheelhouse gewährt, während er Wache auf der Brücke schiebt. Meine Mitstreiter haben die Brücke und ihr Interieur noch nicht häufig gesichtet – NSA liest mit, weil seit 9/11 alle Schiffe auf amerikanisches Drängen eine Kennung führen müssen mit Namen, Identifikationsnummer, Schiffsart und Destination. Nachdem nun CMA CGM alle Schiffe in China bauen lässt, werden auch die Chinesen genug Insiderwissen erhalten, um es den Amerikanern gleich zu tun – und aufgezeichnet auf der Blackbox bleibt sowieso jedes Wort, das auf der Brücke gesprochen und für die Versicherung auf fünf Jahre aufbewahrt wird.

Schweinebraten und Brechbohnen schaffen die Grundlage für jene Tasse Kaffee, die unsere Unterhaltung über Gott und die Welt trägt – und am Ende der Reise erhalten wir dann die frohe Botschaft: Trump ist über eine Sexaffäre gestolpert, Johnson als Clown in den Staatszirkus gewechselt, UK wird wieder EU, Netanjahu von einem Palästinenser ermordet und Angela Merkel hat angesichts des Chaos in der CDU hingeschmissen: In Deutschland stehen Neuwahlen an.

… man wird ja doch noch träumen dürfen – Aufwachen muss man ja ohnehin.

03.03.20 Wie ein Hammer… bläst der Wind nun mit nahezu 100 km/h gegen „Jean Gabriel“, Gott sei Dank – von vorn. Damit hat das schwere Rollen sich getauscht gegen ein heftiges Stamp-fen, mit dem der Bug 6 und 8 m tief in die Wasser eintaucht und die Gischt hoch über die Con-tainerboxen schiessen lässt: Der Atlantik zeigt sein stürmisches Gesicht. Die Wellen sind gegen gestern von 6 m auf 4 m gefallen und dank der Windrichtung aus Südwest stechen wir auf Kurs 240 mit 20 kn durch die See. Fein säuberlich wird das Logbuch mit diesen Daten von Hand geführt wie ein Gerichtsprotokoll, woran nichts mehr verändert wird, aber ansonsten ist Glenn auf verlorenem Posten: Kein Schiff in Sicht, unsichtiges Wetter, raue See – ein Traumjob ist es noch nicht als Wachoffizier 4 Stunden allein durch das Wheelhouse zu laufen. Sein Redebedarf ist auch gering, so dass ich mit ihm nach Ende der Wache die Brücke um 0800 verlasse, nachdem wir die Uhren wiederum um eine Zeitzone zurückgestellt haben.

Die mächtigen Portionen zu Mittag und Abend erleichtern auch heute wieder, auf das Frühstück zu verzichten. Stattdessen öffnet Carmen das Buch für die zweite Lektion Spanisch, die nun mit den unregelmässigen Verben „ser“ und „tener“ erste Lernerfolge zeitigen; dank der lateinischen, italien-ischen und französischen Vorgaben erschliessen sich die Worte und ihre Bedeutungen sehr schnell, allein die Aussprache bei „c“ und „g“ und „z“ und „j“ sucht noch nach Haltepunkten. Aber auch das wird Carmen bis zum Ende der Reise noch schaffen.

Ottfried Höffe verführt mich einmal mehr in die Schule des politischen Denkens – heute hat er sich mit Dante Alighieri mal keinen Philosophen oder Kirchenlehrer, sondern einen Poeten ausgesucht, der mit seiner „Göttlichen Komödie“ einen globalen literarischen Bogen von der Antike in die Gegenwart spannt und sich dabei in Florenz so unbeliebt macht, weil er im Zweifel die Macht mehr in Rom als bei den Fürsten der Städte sieht. Anders als der mir unbekannte Marsilius von Padua, der sich vehement gegen die „zwei Schwerter“ Roms wehrt und den weltlichen Herrschern das Ihre und Rom das Seinige gibt. Dafür wird er als Häretiker mit Kirchenbann belegt und vogelfrei gegeben; er flieht – nach Bayern zum Landesfürsten Ludwig, der ihn ebenso wie William von Ockham gegen die Nachstellungen der Dominikaner in Schutz nimmt; in München liegt er begraben.

1100 beginnt meine Zeit auf der Brücke – Kim wuselt schweigsam in den Papieren; mein Hochsitz wackelt bedenklich im Stampfen. Hier oben scheint das alles wundervoll beherrschbar. Und das bei laut schwirrenden Winden von nicht weniger als 10 Bf – ein Hammersturm, orkanartig.

Picata Milanese und einen kalten Spinat heisst es diesmal zu vertilgen – bei den Offizieren geht das im touch and go -Stil, während wir vier uns wunderbar eine Stunde Zeit lassen, um uns an den frischen Salaten, der reichhaltigen Suppe und den Trauben zum Dessert zu delektieren. Ein Rund-gang ist bei diesem Wetter ohne Sicherheitsleine nicht denkbar, also bleibt es bei der guten Übung einer Tasse schwarzen Kaffees – mit anschliessender Ruhepause. Ein Blick in den Reiseführer lässt erste Bilder von Chile und der Route entstehen. Das ist das Geheimnis der langsamen Reise – du bleibst stets Herr der Reise; Goethe muss es auf seiner Italienreise ähnlich gedacht und erlebt haben.

1700 Uhr läutet den zweiten Brückenbesuch ein, nicht ohne von dort gedanklich einen lieben Gruß an Juffes zu seinem 81. Geburtstag zu telepathieren. Der Vorhang an Dunst hat sich langsam gehoben, der Wind bläst unverändert von vorn. Morgen lässt er vielleicht etwas nach – aber unser Kahn lässt sich doch von so was nicht beeindrucken. Tagaus – tagein immer 20 kn, das sind am Tag bei 24 h insgesamt rund 850 km. Und dieses Quantum ununterbrochen über 10 Tage – Respekt.

Der Abend neigt sich, Harald verschweigt sich, obwohl er viel zu erzählen hätte – gestern fand ich ihn mit seinem Sextanten auf dem Deck, als die Sonne Gelegenheit gab, die Longitudinale zu be-rechnen. Ian ist ein Huckepack, der täglich seinen Lauf auf dem Laufband macht, während er im Kindle liest. Und Wolfgang ist ein Strahlemann, der immerzu laut lacht, ohne dass seine Erzählung das hergibt: mit seinem Lachen und der Gestik überspielt er sein Wortdefizit – ein guter Kerl.

04.03.20 Auf dem Sonnendeck… hätte ich liegen können bei 17 ° Aussentemperatur, wenn der kühle Wind nicht wäre, der mich immer noch mit 6 – 7 Bf an Deck anbläst und weisse Gischt-schwaden quer über den Kahn und seine Boxen bis zur Brücke schickt, wenn der Bug bei den lang gewordenen Wellen mal wieder in eine grosse Gegenwelle platscht; dann zittert und zuckelt das ganze Boot und es wirft einen fasst vom Hocker. Sonnenbrille und Sonnencreme liegen jedenfalls schon mal bereit, nachdem wir gegen Mittag die Azoren in Sichtweite von Flores passiert haben.

Ein erfolgreicher Tag, der uns mit den beschwingten Wellen endlich eine gute Fahrt vorgaukelt. Ein guter Tag, nachdem nun endlich der Blutdruck auf die Lowcarb-Essen reagiert. Fröhlich habe ich registriert, die 64 Stufen zwischen Messe und Kabinendeck in einem Anstieg gemeistert zu haben, um oben angekommen schnaufend zu verweilen, den Sauerstoff nachzuziehen, der mir fehlt, um mit meinen Kumpanen gleich zu ziehen. Zähle ich die 46 Stufen zur Brücke noch dazu, vermag ich mein Glück kaum zu fassen.

Glück habe ich auch, weil Kim, der Wach-Offizier, mir das Kindle-Buch wieder richtet, so dass ich nun endlich Oswald Spengler „Untergang des Abendlandes“ aufrufen kann, ein Schinken, der im ersten Weltkrieg entstanden, aber aus den Nöten der Nachkriegszeit erst 1922 veröffentlicht worden ist und der westlich-amerikanischen Zivilisation den Untergang bereits vor hundert Jahren prophe-zeit hat. Allein die Einleitung macht in ihrer Begeisterung, mit all den schwächelnden Philosophen von Nietzsche bis Hegel, mit Leibniz und Kant abzurechnen und sich dem Pragmatismus eines Goethe zuzugesellen, einen Stundenblock aus.

Derweil krönt auf dem anderen historischen Pflaster Nicolo Macchiavelli mit seiner florentinischen Abrechnung „Il Principe“ die italienische Renaissance: Politik ohne Moral, allein der Macht verpflichtet – ein Opus, das von den Erfahrungen mit den mächtigen Familien der Medici berichtet. Ob als Glosse oder als Handlungsanweisung lässt der Betrachter offen – ich werde es mir antun.

Erste Vorstellungen über einen gemeinsamen Weg vom Ankunftshafen San Antonio nach Valparaiso werden mit Wolfgang erörtert; ich plane in 2 Tages-/3 Nächte Abschnitten an 12 Punkten von Valparaiso bis Buenos Aires, wenn ich mal von den Sonderpassagen zur Osterinsel und nach Kap Hoorn absehe. Und meine Freude an der spanischen Sprache gewinnt Zulauf, wenn das RR immer stärker rollt – wie das Boot, das den Wind wieder von der Seite tankt und meinem Schritt unge-wollte Dynamik verleiht.

Nie sehe ich Glenn, Kim oder Rick – die Filippinos -, in der Offiziersmesse; das ist eine Domaine der „alten weissen Männer“ aus Kroatien, auch wenn sie noch so jung sind – ein wenig Rassismus auf dem Boot gefällig oder brauchen die jungen Filippinos ihre Landsleute, die die Mannschafts-messe beherrschen ? Aber das können sie doch auch in ihrer Freizeit. Wie lob‘ ich mir die „Puget“ mit meinem Captain Dragon Radic gegenüber dem abweisenden Klima, das die Offizierscrew auch uns gegenüber verbreitet. Ich hatte beim Chief-Officer – immerhin der zweite Mann an Bord – nachgefragt, ob es nicht mal ein gemeinsames Gespräch mit den Passagieren gäbe, wir fühlten uns einigermassen isoliert; seitdem ist die Tür zur Offiziersmesse zu. Na, immerhin haben wir eine lustige, ernsthafte Runde.

Beglückt, bedrückt und erschöpft sinke ich in die Nacht, die mir wiederum eine Stunde im Wechsel der Zeit schenkt.

05.03.20 Azorenhoch… Erfrischend die Dusche und der Morgenspaziergang auf Deck F. Der Bio-Rhythmus spielt noch ein wenig verrückt, wenn er mich schon um 0500 wach macht, aber da mich noch Dunkelheit umgibt, lass‘ ich mich noch ein wenig schaukeln. Die Wasser sind ruhig, aus Südost weht ein 6-er, das Schiff schneidet die Wellen ohne allzu grosses Stampfen und macht seine 20 kn, Cartagena steht jetzt schon für den 10.03.20 1320 auf der ETA-Liste.

Das Frühstück reduziert sich auf ein Omelett mit Bacon und ein Joghurt mit Meli – der Blutdruck hat sich nun wohlig bei 130 : 80 eingependelt: Der Spanischunterricht der dritten Lektion kann beginnen – die Konjugation von „leer“ und „hacer“ stehen an; es läuft rund.

Nach „Old Nick“, dem Teufel Machiavelli, heute nun das britische Pendant Thomas Hobbes, der sich – anders als sein französisches Pendant Descartes – brachial auf die Seite der Throne schlägt, Presbyter, Puritaner und Katholiken aus Sicht der anglikanischen Kirche bekämpft und auf dieser Basis den Staat hochhält, denn ohne Staat – d.h. ohne Recht und Politik – würden Gewinn-, Ruhm- und Herrschsucht die Menschen zu Wölfen werden lassen: „homo homini lupus“. Mit dem biblischen Ungeheuer Leviathan greift er zu einem wirkmächtigen Bild, in dem der König mit Schwert und als Oberhaupt der Kirche von England auch mit dem Bischofsstab regiert: Der König ist das Volk – „l‘etat, c‘est moi“: der Absolutismus hat seinen Lautsprecher gefunden. Nicht die Wahrheit, Autorität ist gefragt. Wie lobe ich mir den Rationalismus bei Spinoza, der zur gleichen Zeit einen Hauch bürgerlicher Freiheit und erste Klänge der Aufklärung vermittelt: zu denken, was man will und zu sagen, was man denkt. Aber die Briten waren schon immer anders.

Auch Spengler schneidet boshaft und flattrig aller Welt vor ihm das Wort ab und sieht die westliche Zivilisation als der Kultur entwachsen. Ich mag seiner Vermessenheit in Gedankenspielen und Worten noch keinen Reiz abzugewinnen; er gibt Antworten, ohne dass ich um seine Fragen weiss.

Ich fliehe – mit meinem spanischen Wörterbuch auf die Brücke. Aber Kim ist auch heute nicht eben launig. Es herrscht eine kühle Atmosfäre an Bord – wie in einem Nebel weichen die Menschen einander aus. Immerhin schmeckt der Kaffee mit ein, zwei kleinen Keksen. Nach dem Mittag finden wir uns um 1500 unerwartet alle auf dem Bug – ich habe meinen ersten Rundgang auf der 300 m Strecke erfolgreich hinter mich gebracht, den kräftigen Schlag der Schraube ebenso bewundert wie die Grösse der Glieder in der Ankerkette. Die Mannschaft beginnt unter den herrschenden Wind- und Wetterbedingungen das Salz abzuwaschen, das sich auch aggressiv in meine Handschuhe frisst, die ich zum Schutz neben gelber Weste „CMA CGM“ und Helm angezogen habe. Einen Platz im Bugkorb traue ich mir noch nicht zu – zu ungeschickt würde ich mich vor den Augen der Passagiere bewegen. Die Abwechslung nach den Tagen voller Sturm und Regen tut gut – die Gesichter strahlen. Schäfchenwolken schleichen sich ein und kündigen dem Kundigen aber wieder einen Wetterwechsel an, den wir auf 239 ° WSW unterlaufen.

Sei‘s drum – wir sind auf Grosser Fahrt: Morgen ist ein neuer Tag.

06.03.20 Ein Hauch von Frühling… umweht uns; eben noch wetterfest im gefütterten Anorak laufen wir jetzt im T-Shirt und setzen Wolfgang auf Deck F nach, wo er einen kleinen Plastik-Pattevogel in den Wind sausen und zerzausen lässt.

Derweil lockt John Locke mich als Antipode von Hobbes mit seinem Anflug religiöser Toleranz und seinem politisch-ökonomisch inspirierten Liberalismus in ein neues bürgerliches Weltbild, das sich erkenntnistheoretisch auf den Empirismus stützt. Er nimmt erstmals vor Kant einen Fundamental-imperativ mit seinem Schädigungsverbot auf: „ Keiner schädige den anderen!“ und antizipiert Elemente der Aufklärung mit den Grundgütern (-rechten) jedes Bürgers „Leben, Freiheit und Besitz“. Damit erteilt er dem Seelenheil aus staatlicher Hand eine Klatsche – und verachtet zugleich die Katholiken, die im Papst immer noch ein religiöses Oberhaupt und Rechtsverweser ihres bürger-lichen Handelns sehen. Noch vor Rousseau vereint er Natur- und Menschenrecht in einem „Gesellschaftsvertrag“: Arbeit ist der wichtigste wertschaffende Faktor – und mit den Werten einher geht „Mein“ und „Dein“: Bürger schaffen sich mit diesen Wert ein personales Gesicht, wobei die Herrschaft des Eigentums nicht angerührt, sondern als Stabilitätsfaktor in den Gesellschaftsvertrag eingebracht wird. Gewaltenteilung, Legalitätsprinzip und Widerstandsrecht gewinnen an Fahrt in die Aufklärung eines Montesquieu und Voltaire, während Locke sich für seine frevlerischen Gedan-ken und anonymen Abhandlungen nach Cromwell‘s Tod vor dem Absolutismus des Königs fürchten muss.

Mein Spanisch gewinnt an Worten und Stärken, ich suche nach Gelegenheit mit den Filippinos spanisch ins Gespräch zu kommen, aber sie sprechen ihr tagalo, allenfalls rudimentär noch spanisch, die meisten nurmehr office-englisch. Der Versuch, unter Meditationsmusik zu lesen, scheitert, weil ich zwar die Kassette, nicht aber die CD eingepackt habe. Jo wechselt die Linnen und putzt das Bad, Staubwischen hat er nicht gelernt; er bleibt seltsam stumm mit seinem Sprachfehler.

Die Gespräche am Tisch nehmen Form an; Ian erzählt ausführlich über die Rolle der Monarchie und ihrer Bedeutung für die britische Identität; die Deutschen haben keine Identität stiftende Person. Wolfgang schildert seinen Umgang mit dem Sterben seiner Frau vor zehn Jahren und Harald demonstriert seine Kunst am Sextanten – ein lebendiger Kreis, der als erster zu Tisch geht und als letzter vom Tische aufsteht, um in der eigenen Messe zu Mittag wie zu Abend noch einen Absacker zu finden. Um 1600 lässt der Kapitän einen „allgemeinen Alarm“ – „sieben kurz, einmal lang“ – übers Schiff auslösen: Mit Helm und gelber Weste stellen wir uns der Brücke vor – ein Drill und ein Danke, das war‘s dann: Die Zeit läuft mir einfach so davon.

07.03.20 Hoi, a Schiff… ein Segelschiff – Ketsch auf Kurs Horta/Azoren -, ein Flugzeug, ein paar fliegende Fische: schon ist der Tag gerettet. Und er hat früh begonnen.

Der Vollmond lässt sein fahles Licht in meine Kabine fallen und nimmt mir eine Rechtfertigung für weiteren Schlaf, also auf, du Abenteurer, einmal kalt durchs Gesicht, Blase entleeren, Tabletten, um den Blutrausch der Nacht abzumildern, der am Ende des Tages bei schlichten 139:80 endet – und ab auf die Brücke.

Dunkel umfängt mich, Vorhänge vor den Lichtern an den Kartentischen, lediglich die Geräte laufen – sprachlos wie Glenn und sein Look-out, die nicht einmal eine Antwort wissen auf mein morgend-liches Angebot um 0430 : „you need company ?“ Eine seltsam dumpfe, kühle Atmosfäre herrscht, kühl ist es ohnehin im Wheelhouse dank der Luftkühlung, Glenn trägt Kapuzenpullover mit über gezogener Kapuze. Also setze ich mich verstohlen – verbotener Weise – auf den Lotsenstuhl und lasse die Stille der Nacht an mir vorbeirauschen. Keine Frage, kein Wort – eine seltsame Art der Kommunikation in der einsamen Langeweile der Nachtwache. Grusslos verlasse ich um 0630 jenen Raum, der eigentlich in seiner Auslage für die Weite der Welt, den nie endenden Horizont und den technischen Fortschritt steht, der allein in meiner Zeit seinen Segen für die christliche Seefahrt erbracht hat.

Zum Ausgleich verabrede ich mich mit Wolfgang, meinem schwäbischen Bäuerlein – der „alles kann ausser hochdeutsch“- auf dem Bug. Sauber sieht es nun aus, nachdem die Mannschaft den Umweg gesäubert und von der Salzschicht befreit hat. Die Vorstellung von Leonardo di Caprio und Kate Winslet auf der Titanic locken uns in den Bugkorb. Erst werden die Fotos verschossen – und Wolfgang zählt seine schon in die Tausende – dann endlich bleibt nur der Wind, der in die Stille des Ortes rauscht – Schweigen ist angesagt, schweigen ob all der Gedanken, die kreuz und quer versuchen, den Moment einzufangen: „Augenblick, verweile, du bist sooo schön“.

Die Luft ist angewärmt, ein Hauch von Frühling zieht übers Boot, die Sonne setzt ihre Strahlkraft ein, um uns den Rücken zu wärmen, während der Fahrtwind – schneller als der wahre Wind von 4 Bf – uns die Nasen kühlt. Erst als wir uns schon wieder im Windschutz des Bugs befinden, findet sich unser kroatischer Kapitän aus Rijeka zufällig bei einem Kontrollgang ein. Mit einem etwas verqueren Lächeln vermittelt er uns, dass bei diesen Wetterkonditionen wir nicht in voller Montur – Schutzhelm und Weste – laufen müssen, na ja – er trägt selber weder Helm noch Weste. Es herrscht absolutes Alkoholverbot an Bord – und die Liste der Verkaufsgegenstände weist die unterschied-lichen Sixpacks für „Beck‘s“ und „Holsten“ aus. Es herrscht absolutes Rauchverbot an Bord – auf den Zimmern stehen Aschenbecher und der Kapitän schmaucht selbst auf der Brücke. „Englisch ist die Bordsprache auf der Jean Gabriel“ – leuchtet es in schwarz und rot papieren auf allen Fluren, aber der kroatische Tross der Offiziere spricht nur serbokroatisch, die philippinische Mannschaft ihr heimisches tagalo – einzig die Passagiere halten sich an den Codex und sprechen englisch, sehr zur Freude von Ian, der als Anwalt der Krone keine andere Sprache spricht.

Für einen Augenblick durchzieht mich der Gedanke, das abendliche Barbecue aus Protest zu bestreiken gegen diese Doppeldeut- und Einseitigkeiten – „Crew“ heisst Mannschaft, in der wir jetzt als Nummer 29 – 32 gelistet sind, aber von Mannschaftsgeist weit und breit nichts zu spüren. Selbst Wolfgang fällt nun auf, wie abweisend ihm Rick auf der Brücke begegnet ist. Und die gelebte Apartheid zwischen Kroaten und Asiaten – ich vermeine, eine westliche Arroganz auch in dieser Ungeste wahrzunehmen. Und unsere „splendid isolation“ als Passagiere – Gastfreundlichkeit an Bord liest sich anders. Die Unwilligkeit, mit uns auch nur Kontakt aufzunehmen – von der bisher trotz Bitten unterbliebenen Einladung in die Maschine ganz zu schweigen – bestärken meinen Mut. Also, Junge, zeig dein Gesicht !

Rousseau – „Frei geboren und doch in Ketten“ -, jene Ausgeburt an Aufklärung, die mit ihrem „Gesellschaftsvertrag“ mir den Grundgedanken jeder Volkssouveränität durch Demokratie gelegt hat, gerät zur verbalen Enttäuschung. Mich fasziniert zwar seine lebenslange Unruhe, die ihn aus den beschützten Verhältnissen seiner Ständerepublik Genf/Schweiz in die universelle Welt des Aufbruchs in die Moderne nach Paris führt, mich spricht an seine mit brillanter Feder geführte gnadenlos radikale Zivilisationskritik – wie ich sie mit meinen „Momentum“ zu betreiben suche -, die den ungerechten Staat und die Herrschaft des Privateigentums als Ursünde betrachtet. Mir gefällt auch noch in seinen Grundsätzen des Staates („direkte Demokratie“- keine Repräsentanz, wohl eine Schweizer Eigenheit) zwischen politischer und natürlicher Freiheit zu unterscheiden und dem Gemeinwohl den Vorrang vor dem Eigenwohl zu geben. Dort wo es ernst wird, sich die Gewalt zu teilen, verwehrt er sich und verweist die Demokratie in die Ferne eines nie erreichbaren Ideals: eine vollkommene Demokratie sei für den Menschen nicht geeignet, das sei Sache der Götter.

In der Folge der Ernüchterung gebe ich mich dann auch noch dem „Fürsten“ hin, den Machiavelli seinem „Lorenzo de Medici“ in Florenz widmet und ihm die fürstlichen Tugenden „gerechte Gesetze“ und „gekonnte Kriegsführung“ am Beispiel der vielen Nachbarschaftskriegen in Italien zur Zeit der Renaissance unter dem Einfluss des Papsttums nahe bringt – eigentlich alles verständ- lich aus dem Geist absolutistischen Denkens und Handelns. Welch ein Aufhebens in der politischen Diskussion – unbrauchbar letztlich für einen Staat, der nicht mehr absolutistisch regiert wird. Aber von der Sorte wachsen ja wieder mehr und mehr in den Horizont meiner Wahrnehmung: In den Ländern, die nie von „Aufklärung“ gewusst, geschweige denn profitiert haben – wie China, Russland, Afrika, Arabien. Oder von ihr gehört, sich aber mangels Repräsentanz gehörig abgesetzt haben – wie die Amerikas. Und selbst in unseren Breiten zeigt sich mit den Orbans, Kaczinskis, Erdogans, Johnsons wieder jener „Good Guy“, der dem Volk verspricht, autoritär von oben alles besser zu richten; der Neoliberalismus hat es zum System verfeinert. Wohl denn: Der „wohl wollende Herrscher“ als Alternative zur Volksherrschaft, wenn er denn gerecht ist und soziale und politische Gleichheit unter Kontrolle hält – aber ist das denn noch machiavellistisch ?

Ich trage den Gedanken in den Gymnastikraum, um mich auf dem Fahrrad, dem Laufband und an den Geräten zu entspannen, ehe ich mich den 45 ° Hitze in der Sauna aussetze, die ich wohl als einziger auf diesem Schiff benutze. 1750 – ich habe mich für den Barbecue sonntäglich gestylt, werfe einen kühnen Blick auf die vielen Arbeitsbienen auf Deck G, wo es kräftig durch die grossen Ritzen weht, um mich dann auf meinen Protest zu besinnen, von dem niemand Notiz nimmt: 1800 ich streike – auf der Kabine; 1810 – ich streike immer noch. Hat da etwa jemand geklopft ? 1820 – la lutte continue. Ich habe doch keine Extra-Einladung für das Barbecue erhalten – oder ? Und überhaupt – dann fällt ja heute das Abendessen aus. Aber das ist doch schon bezahlt. Dann lohnt sich der heimliche Protest ja gar nicht, wenn die Bahnsteigkarte schon gelöst ist. Jedenfalls singen werde ich zur Freude der Crew nicht, auch kein Gedicht in deutsch vortragen, das ohnehin niemand versteht. Übers Aussendeck gibt es doch auch noch einen verstohlenen Weg auf Deck G ?

Windzerzaust erscheine ich in dem martialischen Getöse des Fahrtwinds, der voll auf den Aussen-tischen steht – den geschützten Innentisch haben sich die alten weissen Herren aus Kroatien gesichert, die der Stärke des Windes die Stärke ihrer Stimmbänder hinzufügen. Wie erwartet hocken die Filippinos im Wind eng aufeinander, das Gedränge am Grill ist bereits abgeebbt – die Fleisch- und Fischbrocken, die Bratwürste und der Bauchspeck werden neben den kleinen Cevapcici tellerweise aufgeladen, eigentlich kein wirklich einladender Ort: Meine Kumpane sitzen verloren auf einer Extrabank, Wolfgang strahlt, er hat eine Dose „Beck‘s“ ergattert. Ich entscheide mich für Miesmuschel und Crevetten – aber das ist ja alles roh. Und ein so versierter Grillmensch bin ich ja auch nicht. Also schau mal, wie es die anderen machen: Das Wasser in den Muscheln kocht sich das Fleisch – ok; die Crevetten vertragen die Glut auch auf der zweiten Seite – geschafft. Und am Tisch der Offiziere ist auch noch Platz, der mir freigegeben wird. „Das ist alles ?“ fragt der Kapitän angesichts meiner Schmalkost. Aber dann hört das „Gespräch“ auch schon auf, denn allenthalben krachen kroatische Böller links und rechts in mein Ohr, die den Fahrtwind zu übertönen suchen. Hier ist kein Platz für mich. Ein Schlag Fruchtsalat – und ich ziehe mich ab von Deck G. War das ein geharnischter Protest – die Jungs haben gesehen, was ein 68-er noch alles so drauf hat ! Punkt,

Ein Absacker will uns in der Ruhe unserer Deck F Messe auch nicht mehr gelingen – wieder ein Tag verbraucht.

08.03.20 Auf Kurs… 063 ° W 23 ° N zeigt das GPS an – wie die Meilen verfliegen: Jeder Grad hat 60 Minuten und jede Minute zählt eine nautische Meile, sprich 1,8 km, das sind 108 km pro Grad, d.h. wir sind vom Meridian in Greenwich bereits mehr als 6000 km nach Westen gefahren – und Hamburg liegt noch mal ein paar hundert Kilometer östlich. Und jetzt geht die Mathematik los: Wir segeln ja nicht einfach nach Westen, sondern in südwestliche Richtung von Hamburg auf etwa 55 ° N nach Puerto Rico auf etwa 20 ° N – dann bleibt nur die Rektante im Kräfteparalello-gram: wer schafft das noch ausser Harald, der wohl sein Geld als Mathematik- und Physiklehrer verdient hat. Rechnet man ganz einfach mal 9 Fahrtage auf dem Grosskreisbogen x 24 Stunden à 18 kn = 3.888 nm und schmeisst die paar Meilen bis zur Passage von Hispaniola und Puerto Rico noch dazu, dann sind wir morgen schon 7.200 km unterwegs, 1/6 des Erdballs – mein Gott, welche Dimensionen. Und genau jene Änderung spüre ich in diesen langen Tage auf See – die Dimensionen haben sich verändert: Weite hat ein anderes Gesicht; Wetter hat ein anderes Gewicht. Kaum, dass sich die Sonne traut, uns zu wärmen, schiebt sich eine Depression dazwischen und schenkt uns Klatschregen, der aber nun schon karibisch warm ist.

Sonntag ist. Ich habe mir ein neues Hemd um- und mich in die himbeerfarbene Hose geworfen, um mir zu gefallen, während der Rest der Mannen schon in kurzen Hosen karibischen Flair vermittelt – mit all den stolzen Waden, die die Männerwelt so auszeichnen und hier tagtäglich zur Schau getragen werden.

Ich geniesse das Rauschen des Wassers, liebe den zärtlichen Wind, der mich bei dem morgendlichen Rundgang sanft streichelt, verweile an meinem einladenden Sitz und versenke mich in Wind, Wasser und Wellen – irgendwann wird schon ein Delfin auftauchen oder gar ein Wal: Warten und Weilen ist angesagt. Heimlich rezitiere ich „Stufen“ von Hermann Hesse – eine Lebensbilanz.

Die spanischen Lektionen der ersten beiden CDs sind erfolgreich absolviert, den Rest von drei CDs vernasche ich auch noch. Das politische Denken hat am Sonntag Pause, stattdessen widme ich mich der italienischen Renaissance, einer Zeit, die mir immer als denkbare Alternative einer Lebenszeit erschien: Florenz, Pisa, Verona, Venedig, Siena, Rom – all‘ die Fürstenstädte, dazu noch Romeo und Julia, Michelangelo, die Medici und Botticelli. Und ich laufe immer noch mit dem Degen `rum, um einen Montague zu fordern. Gift ist an der Tagesordnung, um sich seiner Feinde und Freunde zu entledigen – es sei denn, man hat den Papst auf seiner Seite…

Leonhard Cohen reisst mich mit „Halleluja“ aus den Träumen und schenkt mir gleichzeitig Schlaf.

09.03.20 C a r i b i k… welch eine Enttäuschung um 0900, als wir in der Passage weder auf Back-, noch auf Steuerbord irgendein Stück Land in den tief liegenden Wolken erkennen können. Allein die Sturmvögel/Gannets deuten an, dass Land in der Nähe ist, wo sie ihre Küken mit Fisch versorgen. Und als es dann bei raumem Wind mit 6 – 7 Bf auch noch eine kräftige Schauer gibt, ist der Traum zum „Fluch der Karibik“ – allerdings ohne Captain Sparrow – geworden.

Irgendwie will der Tag nicht gelingen – die Renaissanceideen von gestern sind von gestern; so ein Morden und Gemetzel wie in der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts in Florenz, Siena und Venedig herrscht, wird durch keine Schöngeistigkeit ersetzt, zumal die heilige Inquisition auf ihre Weise auch noch ihre Opfer sucht. Und Savonarola als Warner gegen die verlodderte Bourgeoisie wettert.

Und Immanuel Kant drängt sich gerade jetzt auf, wo ich keine Lust auf „Kritik an der reinen Vernunft“ habe; da mag sein Oevre noch so viele Facetten haben – ich verstehe es immer noch nicht. Und das labrige Abendessen ist auch noch kalt – heute ist einfach nicht mein Tag, basta!

10.03.20 2130 lt Cartagena… Zentimeterweise wuchten die beiden Schlepper „Jean Gabriel“ steuerbords an den Kai – endlich wieder Land: wir sind doch alle Landratten und lieben es, festen Boden unter den Füssen zu wissen. 10 Tage Wind, Wasser und Wellen; 10 Tage Selbstdisziplin in einer anspruchsvollen Gruppe, die sich abseits des Bordgeschehens eingerichtet hat, nachdem in der Crew niemand von ihr so recht Notiz nimmt: Christliche Seefahrt geht auch anders.

Harald hat sich im Morgenlicht auf seinen Bordbalkon zurück- und ausgezogen, um die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinen in Norwegen gebleichten Körper zu lenken; mit den Wellen lassen wir Ludwig Wittgenstein passieren und vergewissern uns, dass wir dem Chaos der Sprache zu entrinnen trachten. Angetan von diesem Ausflug finde ich meinen Platz – im Bugkorb, sitze im Schneidersitz und träume vor mich hin, baue Luftschlösser und lasse meine Vorfahren über den Wolken passieren. Der immer gleiche Klang der anschlagenden Wasser, der milde Wind, der sich von achtern anschleicht, das stete Heben und Senken des Bugs geben der Meditation weiten Raum.

Das Meer – ein Sehnsuchtsort ? Die blauen Wasser sind eine Einladung – ein letzter Flug wie Leonardo di Caprio und Kate Winslet in der unvergesslichen Szene auf der „Titanic“ ? „Immerzu, Immerzu“ aus Büchner‘s Woyzeck geht mir durch den Sinn. Die Wiederholung, als schöpferischen Akt, wie ich sie in den buddhistischen Skulpturen und Bildnissen in Asien erlebe. Sehnsucht – ein Inbegriff menschlichen Denkens und Handelns: aktiv in der Neugierde, eher passiv in der Aufmerksamkeit: „Sucht“ und „Gier“ einmal als Botschafter positiven Denkens. Dies ist der Moment, dies ist das Moment, das ich auf dieser Reise gesucht habe – allein und doch geborgen.

Harald und Ian reissen mich aus meinen Träumen, die nun wohl schon eine Stunde währen. Fotos werden vergeben, Worte werden getauscht – kein Vergleich mit der ungeteilten Gedankenwelt, der ich nun unter dem Eindruck der 27 °C feucht-tropischer Wärme enteile, um mich nach dem Winter vor zehn Tagen nun sommerlich in kurzer Hose und T-Shirt einzukleiden und ein neues Kapitel politischen Denkens aufzuschlagen – Friedrich Wilhelm Hegel, ein Zeitgenosse der Klassiker Goethe und Schiller, gleichzeitig aber mit Fichte und Schelling der Vertreter des „deutschen Idealismus“, die sich kritisch mit der Vernunftwelt des Weltenbürgers Kant auseinandersetzen.

Es ist – auf einen einfachen Nenner gebracht – das immer gleiche Mantra: Kopf oder Bauch, Geist oder Gefühl, Ratio oder Emotio, eine Diskussion, die mein junges Leben schon in den Nächten mit Paul Memmesheimer beherrschte. Ich möchte es auf die Welt übertragen: Die Kultur der Griechen gegen die Ordnung der Römer, die Gnadenwelt des Augustinus gegen die Verstandeswelt des Scholastikers Albertus Magnus, gefolgt von der Mystik eines Thomas von Aquin, das bauchige Papsttum gegen die kopflastige Reformation der Luther, Calvin und Zwingli: Anglikanische Schwindsucht bei John Knox gegen die barocke Frömmigkeit einer Maria Stuart, ein armselig schwülstiger Ludwig XVI. gegen die Härte des Revolutionärs Robespierre: Die Welt kennt nur diesen einen Forderungskatalog: Recht oder Moral? …und der Sieger bedient immer die Guillotine!

So auch bei Hegel: Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Katholik, Jude, Muslim, Deutscher, Italiener oder Araber ist. Es gilt sich zu vergewissern: Du bist nicht der Unfall einer Liebesnacht, nicht ein Zufall der Geschichte, sondern ein einzigartiger Einfall der Schöpfung und damit ein Teil der grossen Menschheitsfamilie – „bei sich sein“ ist deshalb jenes Stichwort, mit dem sich Hegel von Kant absetzt und nach der Entzweiung wieder die Versöhnung der Gesellschaft mit einer brüchigen Theorie der „bürgerlichen Gesellschaft“ sucht, weil er im Zustimmungsprinzip des „Gesellschaftsvertrages“ vermutet, dass der Staat der Willkür des Einzelnen unterworfen werde.

Sein rechts- und staatstheoretisches Leitprinzip ist der freie Wille, der mit Recht, Moral und Sittlichkeit seine Freiheit als Mensch und Teil einer Gemeinschaft gewinnt. „Versöhnen statt Spalten“ – Johannes Rau fände seinen Slogan im Idealismus Hegels ideal verkörpert.

„Panama“ ist Sehnsuchtsort seiner Reise, sagt Harald: die Technik der Schleusen, die Schleusung durch Lokomotiven, die Gezeiten im Spiel der beiden Meere. Auch Ian hat sich Südamerika für den Rest seines Lebens als Zielort auserkoren, weil – so bildlich – die Briten dort anderen Mächten die Zerstörung und Verstörung der Kulturen überlassen hätten. Wir geniessen karibische Meereswelten beim Mittagskaffee aussenbords auf Deck F und planen schon für morgen: Wetter- und zeitbedingt ist Wolfgang als „Millionär“ wild entschlossen, seine kolumbianischen Pesos unters Volk zu bringen – Kurswert: 1 € = 4.000 Pcol, auch wenn die Stadt 40 Taximinuten entfernt liegt.

In der Abgeschiedenheit eines Laufbands, in der Eintönigkeit eines Trockenrads, in der Trockenheit einer 45 °C Sauna verliert sich der Nachmittag. Der Abend widmet sich ab 1930 der Brücke, auf der die Lichter der Stadt bereits erkennbar sind, aber weit und breit kein Pilot zu sehen – zwei Schiffe warten bereits in der Einfahrt, die in Amerika – Nord wie Süd – die Hafenbefeuerung wechselt: Steuerbord ist rot, Backbord ist grün bei der Einfahrt. Auf „Dead Slow“ läuft die Maschine, es bleibt erwartungsvoll auf der Brücke, Kapitän Sisima hat sich ein Uniformhemd übergestreift, ein Rudergänger steht bereit, das Pilotboot kündigt sich steuerbords an – und mit einem kräftigen Bass bringt sich der Lotse mit „Good evening“ in den Kreis ein, beantwortet jede Bestätigung des Rudergängers mit einem ungewohnt freundlichen „Thank you“, während sich das Schiff seinem Landeplatz nähert, ehe das Kommando „Stop engine“ den beiden Schleppern im Konzert das Lotsen überträgt: Wir sind in Südamerika angekommen – ein Kontinent wartet auf Entdeckung.

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Auf Grosser Fahrt – der Ärmelkanal https://www.der-schauspieler.de/auf-grosser-fahrt-der-aermelkanal/ Tue, 21 Jul 2020 12:08:59 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=385 Mehr »]]>

26.02.20 Hamburg… Für eine Stunde steht die Reise auf der Kippe – nein, nicht dass ich verschlafen hätte. Nein, ich sitze ganz ruhig mit dem Rücken angelehnt im Bus-Wartehäuschen „BAB-Auffahrt Waltershof“ und erstarre: mit dem Rücken angelehnt – wo ist denn nun mein Eastpak-Rucksack mit Laptop, Pass, Ticket, Unterlagen, Dollars und all den anderen Schreib- und Lesesachen, die ich für fünf Wochen Seereise eingesteckt hatte. Ein Adrenalinstoss nach dem anderen pfeffert das Blut ins Hirn – du bist doch gerade aus dem Bus 451 ausgestiegen, der dich zum Burchardkai Terminal bringen soll, dich aber einfach an der Haltestelle „BAB Auffahrt Waltershof“ rausschmeisst, weil dort seine Fahrt endet: Ich hatte – einziger Fahrgast ab der Fähr-station Bubendey-Ufer – ein Gespräch mit dem Fahrer begonnen, um mich rechtzeitig zum Check-in am Terminal abzusetzen und dazu meinen Rucksack abgelegt. Aber die Fahrt um 1540 endet halt dienstplanmässig am „Waltershof“, und weiter mitnehmen will er mich auch nicht. Erst der Bus 1640 fährt bis zur Endstation „Burchardkai Terminal“ – und ich Dodel lasse meinen wertvollen Rucksack im Bus in der Gewissheit zurück, der Bus kommt ja wieder – aber doch erst eine Stunde später. Das Zittern beginnt, die Stossgebete wollen nicht enden. Und doch bin ich mir gewiss: meine 75-jährige Jubiläumsreise nach Südamerika wird nicht schon nach 10 Stunden in Hamburg enden. Und so viele Rucksackdiebe wird es in Hamburg doch dank Olaf Scholz und G 20 nicht geben.

10 Tage zuvor war mir mein 100.000 BRT Container „CMA CGM Jean Gabriel“ planmässig angekündigt worden, aber Wind und Wellen im stürmischen Nordatlantik hatten nautische Manöver erfordert, um die Risiken des Transports von 6.000 Containern zu mindern, das hiess für mich: auf gepackten Koffern W A R T E N und W a r t e n und w a r t e n. Das Ticket bei Flixtrain Köln – Hamburg war für den 13.02.20 für 14,99 € schon gebucht, das Prizeotel in Hamburg für zwei Nächte reserviert, doch nichts rührte sich. Der Hafenagent hatte keine belastbaren Daten, der Vesselfinder sah meinen Kahn noch irgendwo auf dem Atlantik auf Höhe der Biscaya. Und die Häfen in Falmouth/England und Rotterdam/Niederlande waren noch nicht einmal in Sichtweite. Schliesslich vertröstete mich mein Reiseagent Arne Gudde um eine Woche auf den 22.02.2020.

Da wird aus der Not spontan eine Tugend, Gisela huckepack ins Gepäcknetz befördert, das Hotel für eine weitere Nacht gebucht – und schon sitzen wir am Valentinstag verzückt im Schoss der Elbphilharmonie und versemmeln unsere Spielgroschen für zwei Fuffziger-Tickets, die für diese Attraktion beim heimischen Rummycub angespart worden waren, und folgen der Erstaufführung einer jungen koreanischen Komponistin, die moderne Musik – insbesondere ein Klarinettenkonzert – in Klang verwandelt: unser Rang hinter den Perkussionisten lässt das Abenteuer zum Ereignis wuchern. Ein Spaziergang in die Deichtorhallen macht mich im „Jetzt“ mit der Arbeit von 50 jun-gen deutschen Künstler ab Jahrgang 1979 vertraut, deren Spiel mit den Materialien einmal mehr die Augen für die Kunst von heute öffnet. Und der Rest von Hamburg versinkt in Sturm und Regen.

Auch der 22.02.20 verscheidet, die Verwunderungen nehmen zu – kein Wort des Hafenagenten über Zeiten und Orte, alles „wetterbedingt“, kein Wort der Reiseagentur: drei Tage wettert „Jean Gabriel“ die Stürme in Rotterdam ab, ehe er sich am 25.02.20 mit der Flut in die Elbe schiebt und gegen 1800 Uhr am Burchardkai in Hamburg andockt, ohne dass jemand auch nur ein Wort über Check-in- und Abfahrtzeiten verliert. Also gebe ich gelassen kund, am 26.02.20 um 1600 am Kai-Terminal zu sein – und als niemand widerspricht, buche ich meine Zugreise vom 25.02. auf den 26.02.20 – die Stornokosten kann ich wohl in den stürmischen Wind schreiben.

10 Stunden zuvor klingelt der Wecker, der Schlupf in die seit Tagen bereiteten warmen Sachen sieht gekonnt aus, nur schaut keiner zu: Gisela hat gestern schon das Weite gesucht und sich nach Neuseeland fliegen lassen. Draussen flockt der erste Schnee des Jahres. Juffes hat seinen „Gerry“ und seinen „Skoda“ schon aufgemöbelt, um mich um 0800 durch den Schneeregen nach Sechtem zu fahren. Reisetasche mit 23 kg, Rucksack mit mehr als 9 kg und eine Umhängetasche mit den restlichen Äpfeln, Karnevals-Krapfen und Hustenbonbons geben den Schritt vor – Hamburg erwächst um 1300 im Wetter wie im April. Ein „Labskaus“ an den Landungsbrücken, dann noch die Fähre 62 nach Finkenwerder – und dann kam um 1540 Bus 451…

27.02.20 Kanal… Kaum merklich schiebt sich um 0100 der Kahn vom Kai, eskortiert von drei Schleppern, die ihn in nördliche Richtung stellen. Kein Getöse und Geklapper der vier Kräne mehr, die noch kurz zuvor die letzten Boxen an Bord hieven. Wenn ich die Hand aus meinem Fenster strecke, kann ich die vorbei schwingenden Container berühren – erstaunlich mit welcher Sicherheit die Kranführer im Drei-Minuten-Rhythmus die 40 Fuss-Boxen in die 4 Haltekrallen bugsieren – als ob da kein Gewicht hinge. Mir fallen die Augen zu – Willkommhöft passieren wir ohne Musik und „Auf Wiedersehen“: Nachtruhe ist angesagt.

Der Morgen graut, leicht schwingt der Boden der Kabine – wir sind in offenen Gewässern. 5 Stunden hat die Elbfahrt verschlungen, der Lotse ist von Bord: Glenn hat als Wachoffizier das Kommando auf der Brücke übernommen, ein Lookout steht ihm zur Seite wegen des Verkehrs auf der Wasserstrasse. Für drei Decks nehme ich die Treppe – 123…789, der Code an der Tür öffnet mir die Brücke. Kim, der zweite Wachoffizier aus der philippinischen Kadettenschule in Cebu City reicht mir einen schwarzen Kaffee aus der Maschine. Der Wind weht streng aus Nordwest, der Computer berechnet die Drift und korrigiert den Kurs automatisch – der Dienst hier oben ist lang-weilig. Alle zwanzig Minuten müssen die oow – officers on watch – das Signal drücken, um ihre Wachsamkeit anzuzeigen und einen Alarm zu verhindern.

Meine drei Mitreisenden haben sich schon am Frühstückstisch versammelt: Ian, der pensionierte Rechtsanwalt aus Manchester, Harald, der leise Norweger und passionierte Segler aus Oslo und Wolfgang, der laute Schwabe aus der Nähe von Stuttgart – sie alle reisen bis Valparaiso, Harald nimmt sogar die Rückreise mit dem Boot. Das Gespräch ist voller Leichtigkeit, auch wenn es Harald und Wolfgang schwerfällt, dem Dialog auf englisch zu folgen. So passieren Brexit, Julian Assange und die Zukunft des UK, der Rassismus und Antisemitismus in Europa – und lassen uns die Freude, dass andere das auslöffeln, was uns nicht gelungen ist. Wolfgang gesteht seine Leidenschaft zu malen. Harald bleibt leise und verschlossen. Ian hasst Johnson.

Anders als auf der „Puget“ vor fünf Jahren sitzen hier die vier Passagiere getrennt von den Offizieren in einer eigenen Abteilung – vom Captain bis zum Ingenieur sprechen sie nur serbo-kroatisch; es ist nicht die einzige kalte Schulter, die ich spüre. Der Kapitän ist noch relativ jung – ich schätze ihn als Endvierziger. Seine Körpersprache, sein Auftritt ist unangenehm eitel, von Empathie keine Spur; er stellt sich nicht einmal vor – es wird nicht seine einzige Unhöflichkeit bleiben. Die Mannschaft schätzt ihn – wie mir Glenn erzählt – nur noch deshalb, weil er beim nächsten Port in Antwerpen das Schiff nach turbulentem Zwei-Monatsdienst verlassen wird.

Ich suche nach einem Rhythmus, um den Alltag zu bewältigen: Lesen, Spielen, Spanisch lernen, Sport, Sauna – feste Daten haben nur die Essen: Frühstück um 0700, Mittag um 1200, Abend um 1800. Und zweimal am Tag ist „Brücke“ angesagt – Wasser, Wellen, Weiten: das Wetter baut sich auf und baut sich ab. Regen ist angesagt und böige Winde mit 40 kn von der Seite. Der Kahn ist nicht voll beladen, ist mehr als 10 Tage im Rückstand – London, Le Havre werden im Ablauf gestrichen, von Antwerpen geht es schnurstracks nach Cartagena. Als Glenn mich über all diese Neuigkeiten unterrichtet, mischt sich unser namenloser Captain ins Gespräch – die Nähe im Gespräch während der Navigation sei nicht erwünscht, ich solle mich an den Rand setzen.

Ich danke ihm für seine überbordende Freundlichkeit und Gastlichkeit. Um 2230 schaukelt der Kahn ein wenig – der Pilot kommt an Bord, ein Steuermann übernimmt das kleine Steuerrad, das die 40.000 PS über den rechtsdrehenden Propeller in die richtige Richtung lenkt.

Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker haben im Juni 2002 zum 60. Geburtstag von Hannes Wader in Bielefeld ein Konzert gegeben – „Gut wieder hier zu sein“; gut, dass sie auf der CD bei mir sind – die alten Kampfgenossen, die mit ihren Liedern der Welt ein anderes Gesicht haben geben wollen. „Es ist an der Zeit“ – heute immer noch. Die Lieder wärmen mich – draussen herrschen garstige Winde; es pfeift und schwirrt – der Wind peitscht die Wasserlachen. Trocken und warm husche ich unter die Bettdecke.

28.02.20 Antwerpen… Stille umgibt mich, als ich gegen 0630 in dem superbreiten Kingsbett erwache, der Puls rast – seltsam, wenn ich ruhe, steigt der Blutdruck in ungewollte Höhen; bin ich atemlos am Ende der Treppe angelangt, beruhigt er sich, steige ich vom Fahrrad, mimt er normal. Die beiden Bullaugen geben den Blick frei auf die Schattenrisse der Kräne, die unter dem Namen EUROGate Antwerpen arbeiten, d.h. sie ruhen, also ruhe ich auch noch ein wenig bis die Sonne ihr gelbes Morgenlicht in meine Kabine 701 wirft. It‘s coffeetime – 0730. Harald, Wolfgang und Ian sitzen schon am Tisch und geben dem Morgen erzählerische Frische. Jo, der philippinische Mess-man, der die beiden Messen bedient, stolpert über meine Order „two eggs overeasy, and bacon“ – es gibt halt immer nur Spiegelei und krosse Schinkenteile, Kantinenfrühstück – dazu dann Plastiktoast, ein paar weiche Baguettescheiben, dazu immer dieselbe billige Käse- und Wurstsorte. Ich belasse es bei einem Müsli mit Joghurt und Meli. Der Kapitän ist immer noch an Bord und müht sich um ein Lächeln, bringt aber sonst kein freundliches Wort über die Lippen.

Er gibt jene kalte Atmosfäre vor, die ich auf diesem Schiff im Unterschied zur „Puget“ vorfinde – kein Mensch nutzt die Messe, weder auf Seiten der Offiziere, noch auf Seiten der Mannschaft. Unser kleiner Vierertrupp lebt nicht nur am Tisch isoliert – auf Deck F, wo unsere Kabinen sich befinden, ist eine eigene „Messe“ für uns eingerichtet – ein Tisch, zwei Stühle, Sofa und Sofatisch sowie eine Spüle, auf der ein Warmwasserkocher für den Pulverkaffee und den Beuteltee bereit steht. IKEA – Atmosfäre. Ein Fernseher sieht alle Funktionen „Musik, Text, Film, TV“ vor, aber nichts bewegt sich nach dem Powerdruck, keine Musik, kein Film – nicht einmal eine CD. So bleibt uns hier nur der Kaffee nach dem Essen.

0900 schaue ich in die „Geschichte des politischen Denkens“ und vergewissere mich über „Politeia“ und „Dämos“ bei Aristoteles, der die Herrschaft des Volkes „Demokratie“ für eine ungeratene chaotische Staatsform hält und den Verfassungsstaat der „Politik“ mit ihren Oligarchen und Kundigen bevorzugt. Spannend seine Wiederbelebung in der Scholastik und in der Moderne bei Hegel, Kant und Hobbes. Um 1000 lege ich die erste Diskette von „Carmen“ ein, um mir die tonalen Grundzüge des Spanischen wieder in Erinnerung und die Worte wieder auf zu rufen. Durch das nachahmende Sprechen laufen die Sätze schon ganz gut: Que tal ? Manchmal läuft mir noch die italienische Variante über die Zunge, aber Carmen belehrt mich eines Besseren. Dann schlägt mich um 1100 Rutger Bregman mit seinen Visionen seiner 15-Stunden-Woche ebenso in den Bann wie sein Vorschlag „Geld für die Armen“ (bedingungsloses universelles Grundeinkommen).

Kaum dass ich mich in dem Direktoren-Schreibtischstuhl zurecht geräkelt habe, drängen die Stimmen der anderen schon wieder zum Essen – eine wässrige Bohnensuppe, ein trockener Thunfisch mit geschmorten Möhren dazu zwei Scheiben Melone; allein den frischen Salat möbele ich mit Feta und Käseresten, Balsamico und einem Schuss Olivenöl zum „griechischen Bauern-salat“ auf. Uns fällt auf, dass nun schon seit zwölf Stunden nach unserer nächtlichen Ankunft niemand den Finger an den Kränen zum Laden rührt. Wahrscheinlich ist das die Strafe für das unzeitgemässe verspätete Eintreffen im Hafen – Maersk und MSC werden aber auch nicht bedient.

Die Brücke verwaist – ich nutze den Mittagsschlaf, ehe ich mich um 1500 wieder in den Bregmann vergrabe, klingt alles so vernünftig und machbar – aber wer gibt sich heute noch mit Visionen ab ?

„Und wenn wir Visionen haben, gehen wir halt zum Arzt – und erzählen ihm davon“, sagt Kevin.

1600 – es regnet in Strömen, nein, es klatscht an die Fenster. Ich habe mich umgezogen – im Sport-raum treffe ich auf Ian, der seinen Walk auf dem Band macht. Durch die dünnen Wände rattern nun die Kräne und kratzen die Boxen beim Ablassen; endlich beginnt die Abfertigung, die noch bis morgen Mittag dauern wird. Ich setze mich zum Aufwärmen aufs Fahrrad – Glenn hat vergessen, die Sauna einzuheizen. Also frage ich einen Mannschaftsgrad, der mir gerne hilft, den Laden selbst einzuheizen. 15, 20 Minuten – dann hat es gerade mal 37 ° C. Ich steige ein und geniesse die Wärme in dem chinesisch gehaltenen Ambiente, die über 30 Minuten schon die 42 ° C Marke erreicht. Abkühlung unter der Dusche, ein wenig Erholung im Sportraum, der wohl nicht allzu viel Lust zu wecken scheint – dann hinein in den zweiten Schweissaufguss von 30 Minuten und ab unter die Dusche. Wenig einladend, aber praktisch, um ein körperliches Gegengewicht zum Essen zu finden – der Koch verwöhnt uns heute Abend mit einem Gulasch, dem man alternativ Reis oder Rigatoni beigeben kann, aber dem fehlt einfach der Pfeffer: mein griechischer Bauernsalat findet bereits Nachahmer am Tisch – er ist und bleibt mein Favorit. Unsere Gespräche nehmen Fahrt auf. Wir sind immer die Letzten, wenn wir nach 1900 Uhr uns erheben, um uns noch einen Kaffee aus der Puderdose zu gönnen, ehe sich der Erste schon wieder verabschiedet; alle schreiben Tagebuch – ich lasse Konrad Wecker und Hannes Wader wieder mein Herz bluten: „Gute Nacht, Freunde“

Morgen ist ein neuer Tag – 12 Tage ununterbrochen Atlantik, Winterstürme sind angesagt.

29.02.20 Leinen los… Die belgischen Hafenarbeiter sind noch gut organisiert. Vor 0700 bewegt sich hier kein Kran. Statt dem Klang der Kräne lausche ich dem letzten Regen der Nacht, der gegen die Fenster plästert. Ein Morgenlächeln erwartet mich am Frühstückstisch – für ein Foto: Wolfgang lacht immer ein wenig zu laut über seinen schwäbischen Schalk. Und das Programm für heute: Water, winds and waves!

Heute lerne ich wieder über Cicero „De res publica“ – er verbindet griechischen Geist mit römischer Ordnung: Staat definiert sich immer über das Gemeinwohl – wenn ich das doch meiner Angela Merkel vermitteln könnte: Unsere Welt wäre ein wenig friedlicher, die Gesellschaft nicht so tief zerrissen. Und Bregmann gibt anschliessend sich der Illusion hin, gegen die Widerstände von Wirtschaft und ihren Vasallen in der Politik eine „15-Stunden-Woche“ einzuführen. Welch ein Sinn – der Computer macht die Arbeit des Menschen überflüssig, der Roboter mit seiner künstlichen Intelligenz überwacht die Computer: und was macht der Mensch ? Immer weniger arbeiten immer mehr, immer mehr leben immer prekärer – und niemand (entschuldige: wenige) nimmt Notiz. Statt zu teilen und die Höchst-, Wochen- und Lebensarbeitszeit zu reduzieren und die verbliebenen Arbeiten auf mehr Schultern zu verteilen, wird das Renteneintrittsalter immer weiter nach oben verschoben, obwohl ersichtlich über 50-Jährige wenig Chancen mehr haben, sich erneut in Arbeit zu verdingen: Kapitalismus und Kommunismus haben sich gleichermassen in die Idee verrannt, den Erfolg nach dem Mass der Erwerbsarbeit und dem BIP zu vermessen. Das Bruttoinlandsprodukt misst alles ausser dem, was Menschen wertvoll ist: Zeit, Musse, Kinder…Und den Menschen, die keine Arbeit mehr finden mit einem bedingungslosen Einkommen ein Leben in Würde zu ermög-lichen, dafür finden sich auch immer mehr Gegner als Freunde: Leistung muss sich doch lohnen, auch wenn die Reichen überwiegend ihr Vermögen leistungslos über ihr Kapital angehäuft haben. Und „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (wer‘s nicht glaubt: Originalton Franz Müntefering, aus der Bibel entlehnt; und im Vertrauen – der Mann war in der SPD ein grosses Tier).

Die grauen Morgenstunden vergehen wie im Flug. Mittags krönt sich das Schweinekotelett mit einer Ananas. Der neue Kapitän aus Rijeka ist da, geht achtlos an uns vorbei. Ich mache mich auf, ihn zu bitten, sich doch den Passagieren vorzustellen. Und wirklich, er gibt sich ein paar Minuten Zeit, wir stellen uns vor und er berichtet – über die Ordnung an Bord, die er – unter uns – gerne auf dem Papier stehen lässt, wir sind schliesslich erwachsen genug, um die Crew nicht bei der Arbeit zu stören, wenn‘s angezeigt ist. Statt 1300 sieht er uns erst um 1530 abfahren.

1530 – ich sitze einsam auf der Steuerbordseite im Lotsensitz, aber weder Lotse, noch sonst jemand ist auf der Brücke. Im Funk vernehme ich, dass die Lotsen knapp sind und eine Abfahrt erst gegen 1900 bestätigt werden kann. Das gibt Gelegenheit, noch ein paar WhatsApp abzusetzen, die HDS sogar veranlassen, noch mal schnell anzurufen – ein treuer Geselle. Ich schlafe ein wenig vor, um am Abend fit zu sein für die Ausfahrt aus der Schelde und schleppe mich verschlafen zu dem immer wieder gleichen Essen – ein Hähnchenfilet à la Milanese verwärmt auf der Anrichte, der Blumen-kohl ist gar nicht erst angerichtet, sondern liegt gekocht und zerrupft auf dem Blech, dürftig ab-gedeckt mit einer Alufolie, die Bratkartoffel hätten sich über ein paar kross gebratene Zwiebel oder Schinkenwürfel sicher gefreut – die Küche ist – gemessen an der „Puget“ – bislang eine einzige Enttäuschung. Noch ehe ich den süssen Nachtisch konsumiert habe, bewegt sich das Schiff, alle springen auf: Endlich geht‘s los.

Mein Platz ist auf der Brücke, wo der Lotse schon seine Kommandos an den Steuermann gibt: „port 10“ oder „3-5-5“, der dies artig wiederholt und bestätigt, wenn „midship“ anliegt: was eine gute Segelschule alles ausmacht: Die Lichter der Wasserstrasse weisen den Weg in die See. Auswärts ist backbord „grün“, steuerbord „rot“. Sie funkeln in unterschiedlichen Intervallen, die auf der Seekarte vermerkt sind, so dass ich jederzeit den Standort des Schiffes auf der Seekarte erkennen kann, der auf dem Radarschirm ohnehin durch einen Kreis markiert ist. Die ersten stürmischen Winde pfeifen uns um die Ohren, die Daten zeigen 8 – 9 Bf (Beaufort) an. Gemächlich schieben sich andere Ozeanriesen an uns vorbei in Richtung Hafen, erkennbar nur an zwei Toplichtern und einem roten Seitenlicht, weil in der Wasserstrasse Rechtsverkehr vorgegeben ist.

Zwischen den Wolken reisst es gelegentlich auf, dann zeigt sich der zunehmende Mond mit seiner Sichel und verleiht dem wilden Wasser milden Schein – der Orion steht kurz über‘m Horizont und der Kurs wird immer westlicher „2-6-0“. Nach drei Stunden kommt Bewegung in die dunkel gehal-tene Brücke, das Lotsenschiff gibt Lichtzeichen, die langsame Fahrt wird nochmals gedrosselt – ein behutsames „Good bye“ und der Pilot geht von Bord, was der Wachmann an der Leiter vermeldet.

„Jean Gabriel“ nimmt Fahrt auf, die Lichter an Land verblassen, der 3. Offizier übernimmt die Wache. Mit einem „Good night“ verlasse ich als Seemann die Brücke: In internationalen Gewässern hätte ich mit meinem Seeschein die Erlaubnis, auch einen solchen Kahn zu schippern – aber das ist eine andere Geschichte.

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Autorenlesung vom 04.08.21 https://www.der-schauspieler.de/autorenlesung/ Fri, 10 Jul 2020 14:20:52 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=354 Mehr »]]> Autorenlesung mit Albert Klütsch

Von Hamburg nach Chile auf hoher See

Mit einer Lesung des Wesselinger Autoren Albert Klütsch setzte die Stadt Wesseling die YouTube-Vortragsreihe aus dem Rheinforum Wesseling fort.


Zunächst wird für Albert Klütsch ein Traum wahr. Nach drei Jahren des Wartens erreicht ihn die ersehnte Nachricht der Agentur: „Kabine frei auf dem Containerschiff „CMA CGM Jean Gabriel“ Hamburg – Valparaiso/Chile. 30 Tage auf hoher See – allein mit Wind und Wellen und dem Wummern, das 100.000 Bruttoregistertonnen in Bewegung hält.“ Winterstürme im Atlantik, Frühling in der Karibik, Sommer in der Südsee, Panamakanal und Äquatortaufe, Häfen und Menschen – ohne Nachrichten, Radio, TV, Internet; allein mit sich, der Stille und der Einsamkeit.
In anschaulichen Sprachbildern lässt Albert Klütsch, Schauspieler und Sprecher, seine Zuhörerinnen und Zuhörer teilhaben an seiner „Seefahrt in die Verlorenheit“; 15.000 km zur See.“ 
Drei Tage vor Ankunft macht Chile coronabedingt seine Tore für Reisende dicht. Das Land sehen, aber nicht mehr betreten Freude und Leid paaren sich zu einem eindrucksvollen Reise- und Leseerlebnis, in der „Jean Gabriel“ zum rettenden Engel, zur Arche Noah wird – viren- und pandemiefrei.

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Meine Reiseangebote https://www.der-schauspieler.de/meine-reiseangebote-2018/ Thu, 07 Dec 2017 10:41:16 +0000 http://www.der-schauspieler.de/?p=288 Mehr »]]> UZBEKISTAN – „Schätze des Orients entlang der Seidenstrasse“: Tashkent, Chiwa, Buchara, Samarkand, Sharisabz – mit dem Schriftsteller Oybek Ostanov KIRGISTAN – „Auf den Spuren Cingiz Aitmatov’s„: Literarische und Kulturreise unter dem Dach des Tien Shan mit Lesungen aus Novellen und Romanen an Ort und Stelle ihrer Handlung.
…Kirgistan – Landeskundlich-literarische Studienreise (August 2oL9, in Planung): Einzigartige Gebirgswelt des Tian Shan und des Pamir-Alai, Mythen der Pass-Straßen und der Karawansereien entlang der alten Seidenstraße, dazu Lesungen aus dem Werk desbedeutendsten kirgisischen Schriftstellers der Neuzeit, Tschingis Aitmatov (1928-2008).Leitung und Lesungen: Albert Klütsch, Wesseling. Quelle: www.srs-studienreisen.de
REISEZEIT: Mitte April bis Mitte Mai oder Mitte August bis Ende September 2018 REISEDAUER: jeweils 2 Wochen gesondert, 4 wochen kombiniert REISEKOSTEN: jeweils ca. 2.500 € REISEGRUPPE: 10 – 12 Personen Kontakt]]>